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Deutsche Literatur - Biedermeier & Vormärz
» Klassik | Romantik | Biedermeier und Vormärz | Naturalismus | Gegenströmungen zu Naturalismus | Literatur zw. 1925-1950
Begriff und Tendenzen

Aus der Kunst- und Kulturgeschichte stammt der Begriff Biedermeier (PAUL KLUCKHOHN, WILHELM BIETACK, GÜNTHER WEYDT setzen den Begriff durch).


Charakterisiert die Leistung und Grenzen der damaligen Lebenshaltung und Kunstübung (als Erhöhung und Stilisierung der Wirklichkeit).

Das Wort tauchte zuerst als parodierende Bezeichnung auf EICHRODT Gedichte des schwäbischen Schullehrers Gottlieb Biedermeier [Biedermaier] und seines Freundes Horatius Treuherz in Fliegende Blätter, 1850; Biedermeiers Liederlust (als Buch), 1865.

Das Parodistische verschwindet langsam.
Kennzeichnet eher eine schlichte, genügsame, bürgerliche Kultur.

Die Bezeichnung wurde zum kulturgeschichtlichen Begriff durch:
Wird zunächst auf die Innenarchitektur und auf die bildende Kunst übertragen.

  • MAX VON BOEHN Biedermeier, Deutschland von 1815 bis 1847,
  • GEORG HERMANN Das Biedermeier im Spiegel seiner Zeit.

tragen dazu bei, daß Biedermeier zum kulturgeschichtlichen Begriff wird.


"In der Kultur- und Kunstgeschichte hat sich der Begriff Biedermeier (jetzt mit e geschrieben) seitdem als Epochenbezeichnung durchgesetzt; in der Literaturgeschichte dagegen ist er bis heute umstritten, da man die negativen, satirischen Vorstellungen, die ihm seit seiner Entstehung anhaften, nicht loswerden kann." (Rinsum 181)




Charakteristisch:

  • In der Klassik war der Hof zum letztenmal kultureller Mittelpunkt, in der Romantik zeigt sich noch die schöpferische Kraft des Adels - Kultur und Literatur der ersten nachromantischen Generation, also des Biedermeier sind bürgerlich.
  • Es zeigt sich auch darin, daß die Schriftsteller bürgerliche Namen annehmen - wie LENAU, HALM, GRÜN.
  • Die Napoleonische Zeit mit den Menschenverlusten, Zerstörungen führte die bürgerliche Mittelschicht auf einen bescheidenen Lebensstandard zurück.
  • "Das Biedermeier basiert auf der Überzeugung, in der von Staat und Politik abgesonderten, idyllischen "kleinen Welt" der Familie und der Heimat die Lebenserfüllung finden zu können, und stellte eine die Zeit prägende Strömung dar." (Sorensen)
  • Rückzug in den privaten Bereich, in die Sphäre der im Christentum verwurzelten Familie. (Gleichzeitig eine nach rückwärts bzw. nach innen gewandte Tendenz.)
  • Intimität, Schlichtheit, Anspruchslosigkeit, Klarheit, Milde, Gemütlichkeit, Maßhalten
    Neigung zum Kleinen (STIFTERs Vorrede), Nahen und Konkreten, förderte den Empirismus, Detailrealismus, exakte Beschreibung der Landschaft - Landschaftsgebundenheit ist charakteristisch für das Biedermeier.
  • Der Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit wird erkannt und führt zu Resignation:
    Leidenschaften müssen gebändigt werden
    Verzicht muß geübt werden
    Der innere Frieden muß geschätzt werden
    Charakteristisch, daß die reifen Lebensjahre der stürmischen Jugend vorgezogen werden.
    Bejaht wurden: die Erfüllung der Pflicht, Genügsamkeit, Fleiß
    Suche nach Harmonie ® es handelt sich dabei um ein Ideal:
    Charakteristisch ist eine Vorliebe für Einsame, Käuze und Sonderlinge (GRILLPARZER Der arme Spielmann)
    Unter Männern der Geschichte wird der Schwache, aber sittlich Reine bevorzugt. - Für Biedermeier charakteristisch die Scheu vor der Tat (GRILLPARZER Bruderzwist), Neigung zur Unterordnung
    Kennzeichnend ist das Interesse für die Geschichte - aber vor allem für die Geschichte der engeren Heimat. Das Politische wird jedoch strikt abgelehnt. (LENAU Dichters Klagelied, DROSTE Die beschränkte Frau)
    Die Dichtung erscheint öfters als Flucht in Erinnerung, in alte Zeiten, Märchen, Idylle
  • Auf religiösem Gebiet das Wiedererstehen des Pietismus.

Künstlerische Tendenzen:

  • Die romantische Ironie ist dem Biedermeier fremd, obwohl sie Humor hatten (NESTROY).
  • Die Gegensätze zwischen Ideal und Wirklichkeit verschwinden vor allem in der Natur - für die Dichter des Biedermeier ist ein inniges und reales Verhältnis zur Natur charakteristisch (LENAU).
  • Anstatt nur in Stimmungen zu schwelgen, achtet man mehr auf Einzelerscheinungen, und die exakte Beobachtung der Phänomene ist charakteristisch. (" Romantiker)
    (Naturkundliche und künstlerische Funde werden gesammelt)
  • Manchmal stoßen sie ins Mythische vor (dies hängt wieder mit der Naturschilderung zusammen) - wie es Balladen, Märchen und Novellen der Zeit beweisen. (STIFTER Bergkristall)
  • Sprachlich baut das Biedermeier auf dem klassisch-romantischen Erbe auf.
  • Die bildende Kunst lebt parallel mit der Dichtung - STIFTER, MÖRIKE waren selbst bildkünstlerisch tätig
  • Die Lyrik erschien als Textvorlage für die Musik - SCHUMANN, SILCHER, BRAHMS, HUGO WOLF


Geistige Tendenzen:

  • Die biedermeierliche Haltung dem Staat gegenüber stützte sich vor allem auf die Philosophie FRIEDRICH HEGELs Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse
  • Vorlesungen über Die Philosophie der Geschichte.
  • Der von HEGEL vorgestellte Staat ist der bestmögliche, ein sittlicher, ein Rechtsstaat, dem sich zu beugen und für den zu arbeiten Verpflichtung sei. Dieser Auffassung folgten die Rechtshegelianer. (" Linkshegelianer leisten Vorarbeit zu jungdeutschen Ideen.)
  • Die Auseinandersetzung um die religiöse Frage verbindet sich mit DAVID FRIEDRICH STRAUß (1808-1874) - Bibelkritik
    STRAUß war kein Atheist, nur gegen Gefühlsreligion.
    Christus als historische Gestalt akzeptiert - seine Gottessohnschaft in Frage gestellt.
  • Der Junghegelianer LUDWIG FEUERBACH (1804-1872) radikalisierte die Gedanken STRAUß´.
    "Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde."
  • Saint-Simonismus
    CLAUDE HENRI DE ROUVROY, GRAF VON SAINT-SIMON (1760-1825) ® Werk Der Organisator
    die unproduktiven Klassen ("die Müßigen") " die produktiven "Tätigen" Þ Ständeordnung abgelehnt.

Die sog. Historische Schule - Hauptvertreter: LEOPOLD VON RANKE. (Wirkung von SAVIGNY bemerkbar)

Das Biedermeier versuchte eine Synthese - Realidealismus.
Die Harmonisierung von Ideal und Realität gelang jedoch nur vorübergehend.
Der Gegensatz zwischen Idealen und Wirklichkeit ist stark bewußt - dies führt zur Resignation, Verzicht auf das große Leben...
Das Biedermeier erscheint als "der letzte konsequente Versuch, die christlich-universalistische Kultur zu retten" / FRIEDRICH SENGLE (Frenzel)
Es bedeutet eine einheitliche Kultur, die alle Lebensbereiche umfaßt.

Es ist die Zeit, in der KIERKEGAARDs Philosophie entstand.




Kulturleben:

Im Familien- und Freundeskreis trieb man Hausmusik und las aus Dichtungen vor, führte Scharaden, lebende Bilder und kleine Theaterstücke auf.

Salons

  • Bedeutenden ´Institutionen´ des romantischen literarischen Lebens waren die Teegesellschaften (Berlin und Wien)
    • RAHEL VARNHAGEN (geb. LEVIN)
    • HENRIETTE HERZ

Gesangvereine, Lesegesellschaften

Urheberschutz für Schriftsteller - macht die Existenz als freier Schriftsteller möglich (zuvor war es nur bei fürstlichen Jahrespensionen oder einer Anstellung bei Hofe denkbar.)

Zahlreiche Almanache, Kalender, Taschenbücher, literarische Beilagen zu Zeitungen und Zeitschriften wendeten sich hauptsächlich an ein weibliches Publikum.

Aus Bilderbogen entwickelten sich Bilderbücher, die sich direkt an die Kinder wendeten.

HEINRICH HOFFMANN für seinen dreijährigen Sohn Struwwelpeter.

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