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Deutsche Literatur
» Klassik | Romantik | Biedermeier und Vormärz | Naturalismus | Gegenströmungen zu Naturalismus | Literatur zw. 1925-1950
Gegenströmungen zu Naturalismus

1890-1920

.: Gegenströmungen zum Naturalismus

  • Die literarischen Strömungen behaupten öfters nicht nur ihren Gegensatz zum konsequenten Naturalismus,
    sondern zu der gesamten realistischen Entwicklung des 19. Jhs.

.: Beginn:

  • das Erscheinen der Erstlinge Stefan Georges, Hugo von Hofmannsthals, Ricarda Huchs
  • Programmschriften:
    Hermann Bahrs »Kritik der Moderne«, »Überwindung des Naturalismus«
    Richard Dehmels »Die neue deutsche Alltags-Tr.«
  • Aufgenommen wurden: Kunstanschauungen der Klassik und Romantik
    Idealistische Geisteshaltung von der sog. Neuromantik und Neuklassik
    z. T. Heimatkunstbewegung (« Großstadtliteratur)
  • Die nur lose miteinander verbundenen Individualitäten der Gegenströmungen standen dieser Zeit und der Wirklichkeit distanziert gegenüber. Ihre Kritik kam nicht aus ökonomischen Gesichtspunkten, sondern richtete sich gegen philiströse und amusische Gesinnung.



.: Neues Kunstideal von den sog. Impressionisten aufgestellt:

  • Wiedergabe feinster Stimmungen


    Charakteristisch:
  • Erfahrung sozialer Entfremdung und Isolierung
  • Krisenbewußtsein
  • Verlangen nach einem neuen Lebensstil, Gesellschaftsreform, nach Überwindung des Rationalismus durch Gefühlsintensität
  • Der den Realitätsanspruch negierende Drang zu Stilisierung symbolistischer Zug (geht wesentlich auf französische Vorbilder zurück)

 

.: Symbolisten (französische):

  • fühlten sich als Erben einer sterbenden Kultur Schlagworte wie décadence, fin de siècle wurde für ihre Situation geprägt
  • Hauptvertreter:
    Charles Baudelaire,
    Paul Verlaine,
    Stéphane Malarmé,
    Arthur Rimbaud
    (Belgier Maurice Maeterlinck)
  • Mit dem Symbolismus kehrten z. T. Kunstanschauungen der deutschen Romantik aus Frankreich nach Deutschland zurück

.: Alle Gegenströmungen gemeinsam:

  • Rückwendung zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur Seele, zu Mystik und Mythos.

  • An die Stelle von Positivismus und Optimismus traten:
    • Lebensmüdigkeit, Resignation, Todesverherrlichung
      (ein pessimistischer Grundzug im Gefolge der Wirkung Schopenhauers, der in der Vermittlung durch die Musikdramen Richard Wagners eine romantisch rauschhafte Note bekam)
    • Jugendlichkeit, Schönheitskult, Lebensgier (Tendenzen, die in der sog. Lebensphilosophie ihre Unterbauung fanden und das Dekadenzbewußtsein und den Nihilismus überwinden wollten. Leben erscheint hier als dynamisch-ästhetischer Selbstwert.

      Der Vitalismus hat seinen Höhepunkt in Friedrich Nietzsche. Seinen Kulturpessimismus hatte durch eine eigene Zukunftsphilosophie ergänzt.

      Der zeitgenössische Bürger muß überwunden werden ->Es gelte einen Übermenschen zu schaffen.

      Nietzsche entsprach sowohl in seiner Lebenshaltung, als auch in seinen ästhetischen Theorien den Idealen der Symbolisten: Die Welt sei nur ästhetisch »zu retten«.)

.: Jugendstil :.

  • Das Stilbemühen der Zeit fand seinen deutlichsten Ausdruck im sog. Jugendstil der bildenden Kunst / vor allem der Innenarchitektur und des Kunstgewerbes. (Zeitschrift: Die Jugend 1896-1940)

  • Antinaturalistische Tendenz: ästhetische Verfeinerung, Erlesenheit, lineare Arabesken, kunstvoll arrangierte Naturszenerie

  • Parallelen in der Literatur: George, Rilke, Dehmel, Däubler, Dauthendey, das Frühwerk von Hofmannsthal, Hesse, Stadler, der impressionistische Hauptmann so daß von einem literarischen Jugendstil gesprochen werden kann.

  • Ältere programmatische Bücher: Julius Langbehns "Rembrandt als Erzieher", Paul de Lagardes "Deutsche Schriften".

  • Neuere Bücher: Rudolf Huchs Mehr Goethe, Paul Ernsts "Zusammenbruch des deutschen Idealismus"

  • Gründung konfessioneller Zeitschriften:

    • Katholisch: Hochland, Gral

    • Protestantisch: Der Türmer
  • Neubelebung älterer Kunstperioden vertrat ab 1887 Kunstwart, Buch- und Schriftgestaltung des Jugendstils bestimmten Blätter für die Kunst
  • Ausländische Wirkungen:
    • Der überlegene Zynismus, der Persönlichkeitskult, und die ästhetische Lebensbetrachtung des Engländers Oscar Wilde

    • Die bizarren, grausigen Erzählungen und die klangfarbigen Gedichte des Amerikaners Edgar Allan Poe

    • Freie Rhythmen Walt Whitmans wirkten vor allem vom Formalen her - ihr Gehalt kam erst im Expressionismus zur Geltung.


  • Von der skandinavischen Literatur:

    • die symbolhaften Werke des späten Ibsen, seine Dramen, die vor den Gesellschaftsstücken lagen (Peer Gynt)

    • Strindberg hatte seine Wirkung auf Frank Wedekind, maßgebendes Vorbild wurde er erst im Expressionismus.

    • Antibürgerliche Haltung Knut Hamsuns (Hunger)

    • Psychologische Zergliederungskunst und mystische Frömmigkeit des russischen Roman-Schriftstellers Dostojewskij blieben unter den am stärksten wirkenden Einflüssen.

    • Ø Subjektivismus, schmerzvoller Schönheitskult, musikalische Sprache von Gabriele d’annunzio
  • Die Gegenströmungen gegen den Naturalismus diskutierten in erster Linie die Kunst-Form.

    • Formung des Wortes, Dichten, war eine bewußte, sich stetig verfeinernde Leistung. Seinen Zwecken widersprach der Gebrauch einer vorgeprägten Sprache - die vorhandenen Symbole genügten nicht.

    • Das Bemühen um das Wort schloß ein Bewußtsein von der Fragwürdigkeit des Wortes ein, die zum literarischen und psychologischen Problem wurde; es brachte auch die Gefahr der Künstlichkeit.

    • Leuchtende Sphäre war vor allem der Vers, der nicht nur mit der bevorzugten Stellung der Lyrik, sondern auch im Drama und im Versepos wieder in den Vordergrund rückte. Auch die Prosa wurde über die normale Sprache hinausgesteigert.

    • Die antinaturalistischen Kunstströmungen zielten in ihren Anfängen - mit Ausnahme der sog. Neuklassik - auf Reizwirkungen ab.
      Die neue Kunst wollte »keine Erfindung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen, keine Betrachtung, sondern Darstellung, keine Unterhaltung, sondern Eindruck« (Stefan George)
    • Die von der Romantik aufgestellte Forderung einer Vermischung der Sinneswahrnehmungen wurde erneuert.
    • Insbesondere trennte der Standpunkt des l’art pour l’art diese Dichtung von der des Naturalismus.

    • In den Blättern für die Kunst wurde proklamiert:
      »Eine Kunst frei von jedem Dienst: über dem Leben, nachdem sie das Leben durchdrungen hat
    • Wo menschliche Schönheit gerühmt wurde, war es seltener die Schönheit der Stärke als die Schönheit der zarten und interessanten, weil nicht gewöhnlichen Schwäche
    • Die Neuromantik mischte diesem Kult noch dionysische, orgiastische Elemente hinzu, ein Streben nach Mythisierung, das auf den Einfluß Richard Wagners zurückzuführen ist
    • Kennzeichnend: zwiespältige Gestalten, »halbe Helden«, Zwischentöne der Stimmung, gebrochene Farben.
    • Rilke, Stefan George, Hugo von Hofmannsthalhaben schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jhs. diesen Standpunkt verlassen und der Dichtung neben ästhetischen ethische und religiöse Aufgaben zugewiesen.
      Bei Paul Ernst verstärkte sich die pädagogische Tendenz.

 

.: G a t t u n g e n :.

  • Lyrik
    • Die stärksten Leistungen der Epoche lagen auf lyrischem Gebiet.

    • Die Aneignung der symbolistischen Kunsttheorien wurde in den Frühwerken Georges vollzogen. Im Laufe der Entwicklung trat dann Rilke in den Mittelpunkt.


    • Bevorzugt: gebundene, schlichte Formen

    • Die ausgesprochene Preziosität der Lyrik liegt weniger in ihrer metrischen Form als in der Wortwahl, die sich besonders im Reimwort zeigt.

    • Wiederbelebung der Ballade durch den Göttinger Kreis.

    • Balladendichterinnen (Agnes Miegel, Lulu von Strauß und Torney)

    • Gleichzeitig: Erneuerung der Ballade aus dem Geiste des Bänkelsangs im Zusammenhang mit der Entstehung des literarischen Kabaretts. ->Vorbilder der Song-Ballade: Villon, Rimbaud, Kipling, und die französische Chansondichtung des späten 19. Jhs.


    • Wedekind trat 1902 als Mitglied des Kabaretts »Die elf Scharfrichter« auf.

    • Weitere Beiträge zu der neuen Gattung: parodistische Gedichte von Arno Holz, sowie die Galgenlieder und Groteskballaden Morgensterns.


  • Epik
    • Der Roman behielt vom Naturalismus die mikroskopische Kleinarbeit, den sog. Sekundenstil, bei, wirkte jedoch verschleiernd, andeutend, lyrisch zerfließend.

    • Es richtete sein Hauptbestreben auf die differenzierte Darstellung von Seelenzuständen, die äußere Handlung trat zurück, wurde sprunghaft, durchbrochen durch eine zweite Wirklichkeit von Träumen und Gesichten; das Zeitbild hatte nur Nebenfunktion.

    • Die Verschränkungen zwischen Rationalität und Irrationalität gehen auf Nietzsches Einfluß zurück.

    • Thomas Mann gelang die Verschmelzung des Neuen mit der realistischen Erzähltradition.

    • Die Novelle verlor ihre im 19. Jahrhundert errungene Vormachtstellung.


  • Drama


    • Das impressionistische und neuromantische Drama ließ wie in der Romantik die Architektonik in Gefühlen und Stimmungen zerfließen.


    • Es nahm lyrische und epische Elemente auf ® die Grenzen zu den anderen Gattungen wurden unscharf. Die Konzeption reichte nur für den Einakter, den Dialog und das Stimmungsbild. Der Vers wieder beherrschend - die Sprache gewann an Schönheit und Melodie.


    • Im Gegensatz dazu: die sogenante Neuklassik - vor allem Paul Ernst, vorwiegend im Theoretischen, um eine Erneuerung der inneren und äußeren Struktur der Tragödie bemüht. An die Stelle der Diskussion des Naturalismus und der Stimmungsmalerei des Impressionismus wollte sie die tragische Erschütterung setzen - an die Stelle des passiven Menschen sollte der kämpfende Held, der große Einzelne, zwischen zwei tragischen Notwendigkeiten treten. Der Durchschnittsmensch für das Drama uninteressant.


    • Die Neigung zum Einakter, beim späteren Hofmannsthal auch die zum Festspiel, entsprang der Abwendung vom normalen Theaterabend, dem Zug zum Kunsterlebnis im ausgewählten Kreis.


    • Ein aus anderen Wurzeln stammender Ausbruch aus der üblichen Theaterkunst: Literarisierung des Tingeltangels. (Paris - 1881 die Künstlerkneipe Le Chat Noir)

    • 1901 wurde in Berlin ein Buntes Theater gegründet, nach Nietzsches »Übermensch« wird es Überbrettl genannt (bis 1903)

    • 1901 in München »Die elf Scharfrichter« - zentrale Funktion: Sketch und Einakter - Song und Ballade eingebaut oder als Einzeldarbietung.

.: Die literarischen Zentren der Zeit :.

  • Wien

  • Berlin

  • München

.: Dichterkreise :.

  • Kreis um Stefan George

    • Dichter: Hugo von Hofmannsthal, Max Dauthendey, Ernst Hardt, Karl Wolfskehl; Wissenschaftler: Friedrich Wolters, Friedrich Gundolf, Ludwig Klages, Norbert von Hellingrath, Ernst Bertram, Ernst Kantorowicz.

    • Programme erschienen: in den Blättern für die Kunst (1892-1919); 1910-12 Jahrbücher für die geistige Bewegung; Tradition wird von der Zeitschrift Castrum Peregrini (seit 1951 Amsterdam) aufrechterhalten.


  • Die Jung-Wiener Gruppe

    • In den 90er Jahren um Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hermann Bahr.
      Betonte die Fin-de-siécle-Stimmung

  • Neuklassik

    • Ziel: Erneuerung des antiken und klassischen deutschen Dramas, besonders Hebbels.
    • Verbunden mit: Paul Ernst, Wilhelm von Scholz, Samuel Lublinski.

  • Neuromantik

    • Im engeren Sinne: der junge Hofmannsthal, Ernst Hardt, Karl Vollmoeller, Eduard Stucken, Herbert Eulenberg, die Frühwerke Jakob Wassermanns und Ricarda Huchs.

    • Im weiteren Sinne: Rudolf Georg Bindling, Albrecht Schaeffer, Rudolf Borchardt.

  • Heimatkunstbewegung

    • Von Friedrich Lienhard begründet

    • Dazu gehören noch: Ernst Wachler, Hermann Löns, Adolf Bartels, Lulu von Strauß und Torney.

    • Zeitschrift: Heimat (seit 1900)

.: Weitere Zeitschriften:

  • Der Kunstwart (1887-1937) - Kunst- und Kulturpropaganda als volkspädagogische Aufgabe

  • Pan (1895-1900)

  • Die Insel (1899-1902) - Aus der Zeitschrift ging 1901 der Inselverlag hervor.

  • Die Fackel (1899-1936), Herausgeber: Karl Kraus

  • Berner Rundschau (1906-1913), seit 1910 unter dem Titel Die Alpen

  • Neue deutsche Beiträge (1922-1924) - Herausgeber: Hugo von Hofmannsthal



 
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