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1890-1920
.: Gegenströmungen zum Naturalismus
- Die literarischen Strömungen behaupten öfters
nicht nur ihren Gegensatz zum konsequenten Naturalismus,
sondern zu der gesamten realistischen Entwicklung des 19.
Jhs.
.: Beginn:
- das Erscheinen der Erstlinge Stefan Georges, Hugo von
Hofmannsthals, Ricarda Huchs
- Programmschriften:
Hermann Bahrs »Kritik der Moderne«, »Überwindung
des Naturalismus«
Richard Dehmels »Die neue deutsche Alltags-Tr.«
- Aufgenommen wurden: Kunstanschauungen der Klassik und
Romantik
Idealistische Geisteshaltung von der sog. Neuromantik und
Neuklassik
z. T. Heimatkunstbewegung (« Großstadtliteratur)
- Die nur lose miteinander verbundenen Individualitäten
der Gegenströmungen standen dieser Zeit und der Wirklichkeit
distanziert gegenüber. Ihre Kritik kam nicht aus ökonomischen
Gesichtspunkten, sondern richtete sich gegen philiströse
und amusische Gesinnung.
.: Neues Kunstideal von den sog. Impressionisten aufgestellt:
- Wiedergabe feinster Stimmungen
Charakteristisch:
- Erfahrung sozialer Entfremdung und Isolierung
- Krisenbewußtsein
- Verlangen nach einem neuen Lebensstil, Gesellschaftsreform,
nach Überwindung des Rationalismus durch Gefühlsintensität
- Der den Realitätsanspruch negierende Drang zu Stilisierung
symbolistischer Zug (geht wesentlich auf französische
Vorbilder zurück)
.: Symbolisten (französische):
- fühlten sich als Erben einer sterbenden Kultur Schlagworte
wie décadence, fin de siècle wurde für
ihre Situation geprägt
- Hauptvertreter:
Charles Baudelaire,
Paul Verlaine,
Stéphane Malarmé,
Arthur Rimbaud
(Belgier Maurice Maeterlinck)
- Mit dem Symbolismus kehrten z. T. Kunstanschauungen der
deutschen Romantik aus Frankreich nach Deutschland zurück
.: Alle Gegenströmungen gemeinsam:
- Rückwendung zum Irrationalen, zur Metaphysik, zur
Seele, zu Mystik und Mythos.
- An die Stelle von Positivismus und Optimismus traten:
- Lebensmüdigkeit, Resignation, Todesverherrlichung
(ein pessimistischer Grundzug im Gefolge der Wirkung Schopenhauers,
der in der Vermittlung durch die Musikdramen Richard Wagners
eine romantisch rauschhafte Note bekam)
- Jugendlichkeit, Schönheitskult, Lebensgier (Tendenzen,
die in der sog. Lebensphilosophie ihre Unterbauung fanden
und das Dekadenzbewußtsein und den Nihilismus überwinden
wollten. Leben erscheint hier als dynamisch-ästhetischer
Selbstwert.
Der Vitalismus hat seinen Höhepunkt in Friedrich
Nietzsche. Seinen Kulturpessimismus hatte durch eine eigene
Zukunftsphilosophie ergänzt.
Der zeitgenössische Bürger muß überwunden
werden ->Es gelte einen Übermenschen zu schaffen.
Nietzsche entsprach sowohl in seiner Lebenshaltung, als
auch in seinen ästhetischen Theorien den Idealen
der Symbolisten: Die Welt sei nur ästhetisch »zu
retten«.)
.: Jugendstil :.
- Das Stilbemühen der Zeit fand seinen deutlichsten
Ausdruck im sog. Jugendstil der bildenden Kunst / vor allem
der Innenarchitektur und des Kunstgewerbes. (Zeitschrift:
Die Jugend 1896-1940)
- Antinaturalistische Tendenz: ästhetische Verfeinerung,
Erlesenheit, lineare Arabesken, kunstvoll arrangierte Naturszenerie
- Parallelen in der Literatur: George, Rilke, Dehmel, Däubler,
Dauthendey, das Frühwerk von Hofmannsthal, Hesse, Stadler,
der impressionistische Hauptmann so daß von einem
literarischen Jugendstil gesprochen werden kann.
- Ältere programmatische Bücher: Julius Langbehns
"Rembrandt als Erzieher", Paul de Lagardes
"Deutsche Schriften".
- Neuere Bücher: Rudolf Huchs Mehr Goethe, Paul Ernsts
"Zusammenbruch des deutschen Idealismus"
- Gründung konfessioneller Zeitschriften:
- Katholisch: Hochland, Gral
- Protestantisch: Der Türmer
- Neubelebung älterer Kunstperioden vertrat ab 1887
Kunstwart, Buch- und Schriftgestaltung des Jugendstils bestimmten
Blätter für die Kunst
- Der überlegene Zynismus, der Persönlichkeitskult,
und die ästhetische Lebensbetrachtung des Engländers
Oscar Wilde
- Die bizarren, grausigen Erzählungen und die klangfarbigen
Gedichte des Amerikaners Edgar Allan Poe
- Freie Rhythmen Walt Whitmans wirkten vor allem vom Formalen
her - ihr Gehalt kam erst im Expressionismus zur Geltung.
- Von der skandinavischen Literatur:
- die symbolhaften Werke des späten Ibsen, seine
Dramen, die vor den Gesellschaftsstücken lagen
(Peer Gynt)
- Strindberg hatte seine Wirkung auf Frank Wedekind,
maßgebendes Vorbild wurde er erst im Expressionismus.
- Antibürgerliche Haltung Knut Hamsuns (Hunger)
- Psychologische Zergliederungskunst und mystische Frömmigkeit
des russischen Roman-Schriftstellers Dostojewskij blieben
unter den am stärksten wirkenden Einflüssen.
- Ø Subjektivismus, schmerzvoller Schönheitskult,
musikalische Sprache von Gabriele dannunzio
- Die Gegenströmungen gegen den Naturalismus diskutierten
in erster Linie die Kunst-Form.
- Formung des Wortes, Dichten, war eine bewußte,
sich stetig verfeinernde Leistung. Seinen Zwecken widersprach
der Gebrauch einer vorgeprägten Sprache - die vorhandenen
Symbole genügten nicht.
- Das Bemühen um das Wort schloß ein Bewußtsein
von der Fragwürdigkeit des Wortes ein, die zum
literarischen und psychologischen Problem wurde; es
brachte auch die Gefahr der Künstlichkeit.
- Leuchtende Sphäre war vor allem der Vers, der
nicht nur mit der bevorzugten Stellung der Lyrik, sondern
auch im Drama und im Versepos wieder in den Vordergrund
rückte. Auch die Prosa wurde über die normale
Sprache hinausgesteigert.
- Die antinaturalistischen Kunstströmungen zielten
in ihren Anfängen - mit Ausnahme der sog. Neuklassik
- auf Reizwirkungen ab.
Die neue Kunst wollte »keine Erfindung von Geschichten,
sondern Wiedergabe von Stimmungen, keine Betrachtung,
sondern Darstellung, keine Unterhaltung, sondern Eindruck«
(Stefan George)
- Die von der Romantik aufgestellte Forderung einer Vermischung
der Sinneswahrnehmungen wurde erneuert.
- Insbesondere trennte der Standpunkt des lart pour
lart diese Dichtung von der des Naturalismus.
- In den Blättern für die Kunst wurde proklamiert:
»Eine Kunst frei von jedem Dienst: über dem
Leben, nachdem sie das Leben durchdrungen hat
- Wo menschliche Schönheit gerühmt wurde, war
es seltener die Schönheit der Stärke als die
Schönheit der zarten und interessanten, weil nicht
gewöhnlichen Schwäche
- Die Neuromantik mischte diesem Kult noch dionysische,
orgiastische Elemente hinzu, ein Streben nach Mythisierung,
das auf den Einfluß Richard Wagners zurückzuführen
ist
- Kennzeichnend: zwiespältige Gestalten, »halbe
Helden«, Zwischentöne der Stimmung, gebrochene
Farben.
- Rilke, Stefan George, Hugo von Hofmannsthalhaben schon
im ersten Jahrzehnt des 20. Jhs. diesen Standpunkt verlassen
und der Dichtung neben ästhetischen ethische und
religiöse Aufgaben zugewiesen.
Bei Paul Ernst verstärkte sich die pädagogische
Tendenz.
.: G a t t u n g e n :.
- Die stärksten Leistungen der Epoche lagen auf lyrischem
Gebiet.
- Die Aneignung der symbolistischen Kunsttheorien wurde
in den Frühwerken Georges vollzogen. Im Laufe der
Entwicklung trat dann Rilke in den Mittelpunkt.
- Bevorzugt: gebundene, schlichte Formen
- Die ausgesprochene Preziosität der Lyrik liegt
weniger in ihrer metrischen Form als in der Wortwahl,
die sich besonders im Reimwort zeigt.
- Wiederbelebung der Ballade durch den Göttinger
Kreis.
- Balladendichterinnen (Agnes Miegel, Lulu von Strauß
und Torney)
- Gleichzeitig: Erneuerung der Ballade aus dem Geiste
des Bänkelsangs im Zusammenhang mit der Entstehung
des literarischen Kabaretts. ->Vorbilder der Song-Ballade:
Villon, Rimbaud, Kipling, und die französische Chansondichtung
des späten 19. Jhs.
- Wedekind trat 1902 als Mitglied des Kabaretts »Die
elf Scharfrichter« auf.
- Weitere Beiträge zu der neuen Gattung: parodistische
Gedichte von Arno Holz, sowie die Galgenlieder und Groteskballaden
Morgensterns.
- Epik
- Der Roman behielt vom Naturalismus die mikroskopische
Kleinarbeit, den sog. Sekundenstil, bei, wirkte jedoch
verschleiernd, andeutend, lyrisch zerfließend.
- Es richtete sein Hauptbestreben auf die differenzierte
Darstellung von Seelenzuständen, die äußere
Handlung trat zurück, wurde sprunghaft, durchbrochen
durch eine zweite Wirklichkeit von Träumen und Gesichten;
das Zeitbild hatte nur Nebenfunktion.
- Die Verschränkungen zwischen Rationalität
und Irrationalität gehen auf Nietzsches Einfluß
zurück.
- Thomas Mann gelang die Verschmelzung des Neuen mit der
realistischen Erzähltradition.
- Die Novelle verlor ihre im 19. Jahrhundert errungene
Vormachtstellung.
- Drama
- Das impressionistische und neuromantische Drama ließ
wie in der Romantik die Architektonik in Gefühlen
und Stimmungen zerfließen.
- Es nahm lyrische und epische Elemente auf ® die
Grenzen zu den anderen Gattungen wurden unscharf. Die
Konzeption reichte nur für den Einakter, den Dialog
und das Stimmungsbild. Der Vers wieder beherrschend
- die Sprache gewann an Schönheit und Melodie.
- Im Gegensatz dazu: die sogenante Neuklassik - vor
allem Paul Ernst, vorwiegend im Theoretischen, um eine
Erneuerung der inneren und äußeren Struktur
der Tragödie bemüht. An die Stelle der Diskussion
des Naturalismus und der Stimmungsmalerei des Impressionismus
wollte sie die tragische Erschütterung setzen -
an die Stelle des passiven Menschen sollte der kämpfende
Held, der große Einzelne, zwischen zwei tragischen
Notwendigkeiten treten. Der Durchschnittsmensch für
das Drama uninteressant.
- Die Neigung zum Einakter, beim späteren Hofmannsthal
auch die zum Festspiel, entsprang der Abwendung vom
normalen Theaterabend, dem Zug zum Kunsterlebnis im
ausgewählten Kreis.
- Ein aus anderen Wurzeln stammender Ausbruch aus der
üblichen Theaterkunst: Literarisierung des Tingeltangels.
(Paris - 1881 die Künstlerkneipe Le Chat Noir)
- 1901 wurde in Berlin ein Buntes Theater gegründet,
nach Nietzsches »Übermensch« wird es
Überbrettl genannt (bis 1903)
- 1901 in München »Die elf Scharfrichter«
- zentrale Funktion: Sketch und Einakter - Song und
Ballade eingebaut oder als Einzeldarbietung.
.: Die literarischen Zentren der Zeit :.
.: Dichterkreise :.
- Kreis um Stefan George
- Dichter: Hugo von Hofmannsthal, Max Dauthendey, Ernst
Hardt, Karl Wolfskehl; Wissenschaftler: Friedrich Wolters,
Friedrich Gundolf, Ludwig Klages, Norbert von Hellingrath,
Ernst Bertram, Ernst Kantorowicz.
- Programme erschienen: in den Blättern für
die Kunst (1892-1919); 1910-12 Jahrbücher für
die geistige Bewegung; Tradition wird von der Zeitschrift
Castrum Peregrini (seit 1951 Amsterdam) aufrechterhalten.
- Die Jung-Wiener Gruppe
- In den 90er Jahren um Hugo von Hofmannsthal, Arthur
Schnitzler, Hermann Bahr.
Betonte die Fin-de-siécle-Stimmung
- Neuklassik
- Ziel: Erneuerung des antiken und klassischen deutschen
Dramas, besonders Hebbels.
- Verbunden mit: Paul Ernst, Wilhelm von Scholz, Samuel
Lublinski.
- Neuromantik
- Im engeren Sinne: der junge Hofmannsthal, Ernst Hardt,
Karl Vollmoeller, Eduard Stucken, Herbert Eulenberg,
die Frühwerke Jakob Wassermanns und Ricarda Huchs.
- Im weiteren Sinne: Rudolf Georg Bindling, Albrecht
Schaeffer, Rudolf Borchardt.
- Heimatkunstbewegung
- Von Friedrich Lienhard begründet
- Dazu gehören noch: Ernst Wachler, Hermann Löns,
Adolf Bartels, Lulu von Strauß und Torney.
- Zeitschrift: Heimat (seit 1900)
.: Weitere Zeitschriften:
- Der Kunstwart (1887-1937) - Kunst- und Kulturpropaganda
als volkspädagogische Aufgabe
- Pan (1895-1900)
- Die Insel (1899-1902) - Aus der Zeitschrift ging
1901 der Inselverlag hervor.
- Die Fackel (1899-1936), Herausgeber: Karl Kraus
- Berner Rundschau (1906-1913), seit 1910 unter dem
Titel Die Alpen
- Neue deutsche Beiträge (1922-1924) - Herausgeber:
Hugo von Hofmannsthal
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