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"Der Begriff selbst besagt, daß
Mensch und Gesellschaft ausschließlich in ihrer ´Natürlichkeit´
angeschaut und dargestellt werden, d.h. unter Verzicht auf
jede metaphysische Erklärung und auf jede Idealisierung.
So wurde der Naturalismus zum Gegenpol jedes idealistischen,
die Wirklichkeit verklärenden Kunststrebens."
(Sorensen)
Der Naturalismus war ein gesamteuropäisches
Phänomen.
Der Beginn des Naturalismus wird im allgemeinen mit den Kritischen
Waffengängen (1882) der Brüder HART angesetzt.
Seine revolutionäre Stoßkraft um 1900 erschöpft.
"Die Zeitschrift der Brüder HART, Kritische Waffengänge
(1882-84), wird oft als die erste Dokumentation des deutschen
Naturalismus angeführt. Zwar wird auch in dieser von den
Brüdern selbst verfaßten Programmschrift gegen das
glatte Epigonentum der zeitgenössischen Literatur polemisiert,
der tragende Begriff aber ist der des rassisch bestimmten Nationalen:
"Die Nation strafft sich zusammen, und das, was man ´Nationalgeist´
nennt, soll kein leeres Wort mehr sein! Wir fühlen uns
als Deutsche, als Vertreter des Germanentums gegenüber
dem oberherrlichen Romanismus, dem andrängenden Slavismus."
(Sorensen)
"Ähnliche Töne charakterisieren auch die
in München seit 1885 erscheinende, von MICHAEL GEORG
CONRAD herausgegebene Zeitschrift Die Gesellschaft, die in
den Literaturgeschichten als ein wichtiges Organ des deutschen
Naturalismus gilt." (Sorensen)
In bewußter und provokanter Absetzung gegen die Strömung
des Realismus entwickeln sich in Deutschland zwischen 1880
und 1900 jene Tendenzen, die wir in der Literaturgeschichtsschreibung
als "Naturalismus" klassifizieren. (Härle)
Der Begriff wird der europäischen Literaturgeschichte
entlehnt (Frankreich, Rußland, Skandinavien). (Härle)
In diesen Ländern befindet sich schon in großer
Blüte und wird auch programmatisch vertreten. (Härle)
"Der deutsche Naturalismus unterscheidet sich vom
europäischen zunächst dadurch, daß er spät
anfing und nur wenige Jahre dauerte." (Sorensen)
· "Der Österreicher HERMANN BAHR, der
mit dem französischen Geistesleben enge Beziehungen gepflegt
hatte, gab 1891 seine Schrift Die Überwindung des Naturalismus
heraus, die mit den Sätzen beginnt: "Die Herrschaft
des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt,
sein Zauber ist gebrochen." (Sorensen)
Außer dem bereits von den Kritikern und Dichtern der
Epoche benutzten Namen "Naturalismus" wurde für
die neue Richtung wieder das Wort "modern" in Anspruch
genommen.
Im Kreise der Berliner Literatur-Kritiker OTTO BRAHM, PAUL
SCHLENTHER, MAXIMILIAN HARDEN, LEO BERG wurde von EUGEN WOLFF
das Substantivum "Die Moderne" geprägt.
Einige lehnen die Bezeichnung Naturalisten ausdrücklich
ab - sie bezeichnen sich selbst dann modern, revolutionär
oder nennen ihre Literatur konsequenten Realismus. (Härle)
Welche Auswirkungen hatte nun diese "Verspätung"
des deutschen Naturalismus auf seine Wesensart?
Zunächst zeigte er eine deutliche Abhängigkeit
von ausländischen Vorbildern, die das schon geleistet
hatten, was man sich nun für Deutschland wünschte.
Als die Werke des konsequenten deutschen Naturalismus dann
schließlich erschienen, waren sie von einer Heftigkeit
und Radikalität des Inhalts und des Stils geprägt,
die auf den heutigen Beobachter wie der Eifer des Spätgekommenen
wirken.
Darüber hinaus finden sich in dem Schrifttum, das in
den Literaturgeschichten gewöhnlich als naturalistisch
bezeichnet wird, auch inhaltliche Elemente, die dem deutschen
Naturalismus eine Sonderstellung im europäischen Kontext
geben. Zwei Merkmale fallen besonders auf:
- die Betonung des nationalen, bzw. nationalistischen Gedankens
sowie
- das immer noch wirksame Erbe der romantischen Naturphilosophie,
die die Naturauffassung des deutschen Naturalismus unterschwellig
bestimmte."(Sorensen)
Der entstehende deutsche Naturalismus konnte sich an die
in anderen Ländern bereits weiter fortgeschrittene naturalistische
Entwicklung anlehnen.
Aus Frankreich wirkten:
- BALZAC, FLAUBERT
- GUY DE MAUPASSANT: anti-metaphysische Sicht der Welt,
die Darstellung des Menschen als Triebwesen.
- BRÜDER EDMOND, JULES GONCOURT: Behandlung sozialer
Probleme
- EMILE ZOLA: Forderung nach wissenschaftlicher Exaktheit
des Zeitbildes mit der thematischen Ausweitung auf die Welt
der Deklassierten.
"Berühmt war der Pariser Nervenarzt JEAN CHARCOT
(1825-1893), unter dessen Schülern sich ein junger Wiener
namens SIGMUND FREUD befand. Die Vertiefung in die Geheimnisse
menschlichen Seelenlebens führte aber bald über
die Grenzen des Naturalismus hinaus." (Sorensen)
Die großen russischen Realisten:
- TURGENJEW: Gesellschaftsschilderung / am wenigsten sichtbar
ist seine Wirkung
- LEO TOLSTOJ: soziale Anklage und Besserungswille. Im Mittelpunkt
stehen nicht Einzelpersonen, sondern das Schicksal einer
ganzen Schicht oder Klasse / am stärksten sichtbar
ist seine Wirkung
- FJODOR DOSTOJEWSKIJ: Schuld und Sühne - der größte
Erfolg
Die skandinavische Literatur:
- GEORG BRANDES: Dänischer Literatur-Historiker. -
Der starke Einfluß der skandinavischen Literatur ist
zum guten Teil auf ihn zurückzuführen.
- ALEXANDER KIELLAND,
- JONAS LIE,
- ARNE GARBORG,
- HANS JAEGER,
- CHRISTIAN KROGH,
- JENS PETER JACOBSEN,
- AUGUST STRINDBERG,
- HENRIK IBSEN
"Unsre Welt ist nicht mehr klassisch, / Unsre Welt ist
nicht romantisch, / Unsre Welt ist nur modern" (Arno
Holz)
Grundsatz bei ARNO HOLZ:
"K u n s t = N a t u r - x "
oder
"Die Kunst hat die Tendenz, wieder Natur zu sein,
sie wird sie nach Maßgabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen
und deren Handhabung"
(Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze)
Der Mensch als Produkt seines Milieus schien am ehesten am
Durchschnittsmenschen erkennbar.
Moderner Nachfolger des traditionellen "Helden"
war der passive Held, der unentschlossene, schwankende Charakter,
der "halbe Held".
Gefühls- und Seelenleben - Liebe in ihrer Abhängigkeit
vom Trieb gezeigt. / Die Wahrheit verlangte, daß auch
das Perverse nicht ausgeschlossen blieb.
Die Einbeziehung des nach alten Maßstäben Unschönen
und Unsittlichen ist charakteristisch ® Bevorzugung des
Häßlichen und Niederen: Kranke, Geistesgestörte,
Alkoholiker, Dirne - beliebte Handlungsträger.
Die genaue Erfassung der zu schildernden Wirklichkeit verlangte
Präzision der schriftstellerischen Technik.
- Suchen nach Stoff in den Zeitungen (IBSEN)
- Methodisch festgelegte Arbeitsweise ermöglichte
die Zusammenarbeit zweier Autoren (HOLZ, SCHLAF)
Intuition und Inspiration ebenso wie der Begriff Genie waren
verdächtig.
Gestik, Mimik, Sprache wurden differenziert.
Sekundenstil:
"die kleinsten Geräusche wie etwa das Ticken einer
Uhr, das eintönige Fallen von Regentropfen u.ä.
in ihrer zeitlichen Abfolge präzise registriert werden."
(Sorensen)
"Seelisches wird durch dürftige Redeansätze
als halb Geformtes angedeutet." (Sorensen)
Künstler hat sich fortschrittlich an die Spitze seiner
Zeit zu stellen. Aufgabe: Aufklärung, Erziehung, ändernde
Gestaltung der Zukunft. - Der Naturalismus wolle nicht "Wahrheit
im objektiven (das ist keinem Kämpfer möglich),
sondern im subjektiven Sinn". (Otto Brahm)
Viele Schriftsteller standen im Gegensatz zur bestehenden
Gesellschaftsordnung. Während die Realisten eine bürgerliche
Existenz geführt hatten, betonten die Naturalisten die
Unsicherheit und Unbürgerlichkeit ihrer Lebensform, fühlten
sich als Außenseiter und dem Proletarier verwandt, banden
sich aber parteilich nicht.
Die Sozialisten selbst lehnten den Naturalismus ab, da er
die Parteiperspektive außer acht ließ, zuviel
Individualismus und zuviel Pessimismus zeigte.
Die seit den 60er Jahren hervorgetretene agitatorische sozialistische
Literatur orientierte sich am "idealen" Menschenbild
der Klassik und dem Pathos des Vormärz. (Georg Herwegh)
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