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...unser Hintergrund war Nietzsche
Denn was uns selbst angeht, unser Hintergrund war Nietzsche:
Sein inneres Wesen mit Worten zu zerreißen, der Drang
sich auszudrücken, zu formulieren, zu blenden, zu funkeln
auf jede Gefahr und ohne Rücksicht auf Ergebnisse, das
Verlöschen des Inhalts zugunsten der Expression das war
ja seine Existenz. Aber auch in Hölderlins bruchstückartiger
Lyrik finden wir Stellen dieser expressionistischen Emanation:
Beladung des Worts, weniger Worte, mit einer ungeheuren Ansammlung
schöpferischer Spannung, eigentlich mehr ein Ergreifen
von Worten aus Spannung, und diese gänzlich mystisch
ergriffenen Worte leben dann weiter mit einer real unerklärbaren
Macht von Suggestion. In der Moderne kann man bei Carl Hauptmann
reiche Stücke von Ausdrucksdichtung nachweisen, und wir
finden in der Literaturgeschichte von Paul Fechter den interessanten
Hinweis auf Hermann Conradi (1862-90), bei dem Fechter die
Joyce, Proust und Jahnn vorgefühlt sieht; bei Conradi
ist die Analyse Selbstzweck, sagt Fechter, er dringe
vor zur inneren Realität.
Diese innere Realität und ihr unmittelbares Aufsteigen
in formale Bindungen, das ist ja wohl die in Frage stehende
Kunst: Wir finden sie in der Komposition schon bei Richard
Wagner in seinen Partien absoluter Musik, seine Flucht
in Urzustände nannte es Nietzsche. In der Malerei
sind Cézanne, van Gogh, Munch Vorboten und gleichzeitig
auch schon Vollender dieses Stils. Wir können also wohl
sagen, daß ein Bestandteil aller Kunst die expressionistische
Realisation ist und daß sie nur zu einer bestimmten
Zeit, nämlich der eben vergangenen, repräsentativ
und stilbestimmend aus vielen Gehirnen in Erscheinung trat.
Ganz primitiv wäre es, diese Bewegung als Opposition
gegen den vorangegangenen naturalistischen Stil zu sehen.
Dieser naturalistische Stil war ihr vollkommen gleichgültig,
aber die Wirklichkeit, diese sogenannte Wirklichkeit, die
stieß ihr auf. Es gab sie ja gar nicht mehr, es gab
nur noch ihre Fratzen. Wirklichkeit, das war ein kapitalistischer
Begriff. Wirklichkeit, das waren Parzellen, Industrieprodukte,
Hypothekeneintragung, alles, was mit Preisen ausgezeichnet
werden konnte bei Zwischenverdienst.
Wirklichkeit, das war Darwinismus, die internationalen Steeple-Chasen
und alles sonstwie Privilegierte. Der Geist hatte keine Wirklichkeit.
Er wandte sich seiner inneren Wirklichkeit zu, seinem Sein,
seiner Biologie, seinem Aufbau, seinen Durchkreuzungen physiologischer
und psychologischer Art, seiner Schöpfung, seinem Leuchten.
Die Methode dies zu erleben, sich dieses Besitzes zu vergewissern,
war Steigerung seines Produktiven, etwas indisch, war Ekstase,
eine bestimmte Art von innerem Rausch. Aber Ekstasen sind
ethnologisch gesehen nicht anrüchig, Dionysos kam in
das nüchterne Volk der Hirten, es taumelten diese unhysterischen
Bergstämme in seinem orphischen Zug, und später
Meister Eckhart und Jakob Böhme hatten Gesichte. Uraltes
Glückbegegnen! Natürlich blieben Schiller, Bach,
Dürer vorhanden, diese Bodenschätze, diese Nahrung,
diese Lebensströme, aber sie trugen eine andere Seinsart,
trieben aus einem anderen anthropologischen Stamm, waren anderer
Natur, aber auch hier war Natur, die Natur von 1910 bis 1920,
ja, hier war mehr als Natur, hier war Identität zwischen
dem Geist und der Epoche. Wirklichkeit - Europas dämonischer
Begriff: Glücklich nur jene Zeitalter und Generationen,
in denen es eine unbezweifelbare gab, welches tiefes erstes
Zittern des Mittelalters bei der Auflösung der religiösen,
welche fundamentale Erschütterung jetzt seit 1900 bei
Zertrümmerung der naturwissenschaftlichen, der seit 4oo
Jahren wirklich gemachten.
Ihre ältesten Restbestände lösten sich auf,
und was übrigblieb, waren Beziehungen und Funktionen;
irre, wurzellose Utopien; humanitäre, soziale oder pazifistische
Makulaturen, durch die lief ein Prozeß an sich, eine
Wirtschaft als solche, Sinn und Ziel waren imaginär,
gestaltlos, ideologisch, doch im Vordergrund saß überall
eine Flora und Fauna von Betriebsmonaden und alle verkrochen
hinter Funktionen und Begriff. Auflösung der Natur, Auflösung
der Geschichte. Die alten Realitäten Raum und Zeit: Funktionen
von Formeln; Gesundheit und Krankheit: Funktionen von Bewußtsein;
selbst die konkretesten Mächte wie Staat und Gesellschaft
substantiell gar nicht mehr zu fassen, immer nur mehr der
Betrieb an sich, immer nur der Prozeß als solcher -
ja, diese weiße Rasse lief von alleine verarmt, aber
maniakalisch; unterernährt, aber hochgestimmt; mit zwanzig
Mark in der Hosentasche gewannen sie Distanz zu Sils-Maria
und Golgatha und kauften sich Formeln im Funktionsprozeß.
Das war 1910-1920, das war die untergangsgeweihte Welt, der
Betrieb, das war der Funktionalismus, reif für den Sturm,
der dann kam, aber vorher waren nur diese Handvoll von Expressionisten
da, diese Gläubigen einer neuen Wirklichkeit und eines
alten Absoluten und hielten mit einer Inbrunst ohnegleichen,
mit der Askese von Heiligen, mit der todsicheren Chance, dem
Hunger und der Lächerlichkeit zu verfallen, ihre Existenz
dieser Zertrümmerung entgegen.
Zu einer Zeit, als die Romanschriftsteller, sogenannte Epiker,
aus maßlosen Wälzern abgetakeltste Psychologie
und die erbärmlichste bürgerliche Weltanschauung,
als Schlagerkomponisten und Kabarettkomiker aus ihren Schenken
und Kaschemmen ihren fauligsten gereimten Geist Deutschland
zum Schnappen vorwarfen, trug der Kern dieser neuen Bewegung,
diese fünf bis sechs Maler und Bildhauer, diese fünf
bis sechs Lyriker und Epiker, diese zwei bis drei Musiker
- trug er die Welt. Die Frage mit der Kant hundertfünfzig
Jahre früher eine Epoche der Philosophie beendet und
eine neue eingeleitet hatte: Wie ist Erfahrung möglich,
war hier im Ästhetischen aufgenommen und hieß:
Wie ist Gestaltung möglich? Gestaltung, das war kein
artistischer Begriff, sondern hieß: Was für ein
Rätsel, was für ein Geheimnis, daß der Mensch
Kunst macht, daß er der Kunst bedürftig ist, was
für ein einziges Erlebnis innerhalb des europäischen
Nihilismus! Das war nichts weniger als Intellektualismus und
nichts weniger als destruktiv.
Als Fragestellung gehörte es zwar in die Zwangswelt des
zwanzigsten Jahrhunderts, in seinen Zug, das Unbewußte
bewußt zu machen, das Erlebnis nur noch als Wissenschaft,
den Affekt als Erkenntnis, die Seele als Psychologie und die
Liebe nur noch als Neurose zu begreifen. Es hatte auch Reflexe
von der allgemeinen analytischen Erweichungssucht, die uralten
Schranken stummer Gesetzlichkeit zu lösen, die in anderen
Menschheitsepochen mühsam erkämpften Automatismen
physiologischer und organhafter Art individualistisch zu lockern,
immer eindringlicher jenes Es bloßzulegen,
das noch bei Goethe, Wagner, Nietzsche gnädig bedeckt
war mit Nacht und Grauen. Aber diese Fragestellung war echte
Bereitschaft, echtes Erlebnis eines neuen Seins, radikal und
tief, und sie führte ja auch im Expressionismus die einzige
geistige Leistung herbei, die diesen kläglich gewordenen
Kreis liberalistischen Opportunismus' verließ, die reine
Verwertungswelt der Wissenschaft hinter sich brachte, die
analytische Konzernatmosphäre durchbrach und jenen dunklen
Weg nach innen zu den Schöpfungsschichten, zu den Urbildern,
zu den Mythen, und inmitten dieses grauenvollen Chaos von
Realitätszerfall und Wertverkehrung zwanghaft, gesetzlich
und mit ernsten Mitteln um ein neues Bild des Menschen rang.
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fragte denn sonst noch eigentlich nach dem Menschen?
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