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Kunstanschauung
- Strindberg Mysterien-Dramen (Nach Damaskus, Ein Traumspiel,
Gespenstersonate)
- Von Dostojewskijs und Tolstojs Werk - besonders die mystischen
und sozialanklägerischen Züge.
- Menschheitsglaube des Amerikaners Walt Whitman, bzw.
der schmerzvolle Schauder vor dem Leben der französischen
Symbolisten von Baudelaire bis Verlaine
- Für die sprachlichen Neuerungen - die Manifeste des
italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. Herwarth
Walden propagierte Marinettis Ideen im Sturm, und auch August
Stramm wurde von ihm beeinflußt.
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 63]
Auch das Wort erhält andere Gewalt. Das beschreibende,
das umschürfende hört auf. Dafür ist kein Platz
mehr. Es wird Pfeil. Trifft in das Innere des Gegenstands
und wird von ihm beseelt. [...] Dann fallen die Füllwörter.
Das Verbum dehnt sich und verschärft sich, angespannt
so deutlich und eigentlich den Ausdruck zu fassen. Das Adjektiv
bekommt Verschmelzung mit dem Träger des Wortgedankens.
Auch es darf nicht umschreiben.
Kurt Pinthus forderte:
daß in der Kunst der Verwirklichungsprozeß
nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen
geschieht, daß es gilt, der inneren Wirklichkeit durch
die Mittel des Geistes zur Verwirklichung zu helfen.
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 59]
Die Welt [...] im letzten Zucken, im eigentlichsten
Kern aufzusuchen und neu zu schaffen, das ist die größte
Aufgabe der Kunst.
- Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 56]
Ihnen entfaltete sich das Gefühl maßlos.
Sie sahen nicht, sie schauten. Sie photographierten nicht.
Sie hatten Gesichte.
maßloses Gefühl und visionäres Schauen.
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 57]
Ein »neues Weltbild« mußte geschaffen
werden, das nicht mehr teil hatte an jenem nur erfahrungsgemäß
zu erfassenden der Naturalisten, nicht mehr teil hatte an
jenem zerstückelten Raum, den die Impression gab, das
vielmehr »einfach« sein mußte, eigentlich,
und darum schön.
Die Erde ist eine riesige Landschaft, die Gott uns gab. Es
muß nach ihr so gesehen werden, daß sie unverbildet
zu uns kommt. Niemand zweifelt, daß das das Echte nicht
sein kann, was uns als äußere Realität erscheint.
Die Realität muß von uns geschaffen werden. [...]
Begnügt darf sich nicht werden mit der geglaubten, gewähnten,
notierten Tatsache, es muß das Bild der Welt rein und
unverfälscht gespiegelt werden. Das aber ist nur in uns
selbst.
So wird der ganze Raum des expressionistischen Künstlers
Vision. Er sieht nicht, er schaut. Er schildert nicht, er
erlebt. Er gibt nicht wieder, er gestaltet. Er nimmt nicht,
er sucht. Nun gibt es nicht mehr die Kette der Tatsachen:
Fabriken, Häuser, Krankheit, Huren, Geschrei und Hunger.
Nun gibt es ihre Vision.
- Verlöschen des Inhalts zugunsten der Expression
(Gottfried Benn)
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 56f]
Es kamen die Künstler der neuen Bewegung. Sie gaben
nicht mehr die leichte Erregung. Sie gaben nicht mehr die
nackte Tatsache. Ihnen war der Moment, die Sekunde der impressionistischen
Schöpfung nur ein taubes Korn in der mahlenden Zeit.[...]
In ihm [einem großen, umspannendem Weltgefühl]
stand die Erde, das Dasein als eine große Vision. [56]
Es gab Gefühle darin und Menschen. Sie sollten erfaßt
werden im Kern und im Ursprünglichen.
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 60.]
Nun ist der Mensch wieder großer, unmittelbarer
Gefühle mächtig. [...] Er ist verstrickt in den
Kosmos, aber mit kosmischen Empfinden. [...] Er ist nicht
un-, nicht übermenschlich, er ist nur Mensch, feig und
stark, gut und gemein und herrlich, wie ihn Gott aus der Schöpfung
entließ. [...] Er kommt bis an Gott als die große
nur mit unerhörter Ekstase des Geistes zu erreichende
Spitze des Gefühls. [...] Sie erleben nicht in Kreisen,
nicht durch Echos. Sie erleben »direkt«. Das ist
das größte Geheimnis dieser Kunst: Sie ist ohne
gewohnte Psychologie.
Pinthus, Kurt: Zuvor [O.F.Best 80]
Die Geisteswissenschaften des ersterbenden 19. Jahrhunderts
- verantwortungslos die Gesetze der Naturwissenschaften auf
geistiges Geschehen übertragend - begnügten sich,
in der Kunst nach entwicklungsgeschichtlichen Prinzipien und
Beeinflussungen nur das Nacheinander, das Aufeinander schematisch
zu konstatieren; man sah kausal, vertikal.
Dieses Buch will auf andere Weise zur Sammlung kommen: Man
horche in die Dichtung unserer Zeit ..., man horche quer durch,
man blicke rund herum, ... nicht vertikal, nicht nacheinander,
sondern horizontal; man scheide nicht das Aufeinanderfolgende
auseinander, sondern man höre zusammen, zugleich, simultan.
Man höre den Zusammenklang dichtender Stimmen: man höre
symphonisch. Es ertönt die Musik unserer Zeit, das dröhnende
Unisono der Herzen und Gehirne.
Däubler, Theodor: Expressionismus [O.F.Best 53]
Folgendes schicke ich voraus: Simultanität ist
unser gefährlicher Reichtum, der Charakter ist Expressionismus!
[Fußnote: Gleichzeitigkeit, als Simultanität der
Bewußtseinsinhalte Verbindung (Montage) von zeitlich
und räumlich auseinanderliegenden Geschehnissen durch
Assoziation, Präfiguration, Ein- und Überblendung
zu einer Einheit.]
Hatvani, Paul: Versuch über den Expressionismus
[O.F.Best 73]
Bewegung: darauf kommt es an. Der Expressionismus hat
die Bewegung entdeckt und weiß, daß auch die Ruhe
und das Gleichgewicht und die ungeheure Trägheit der
Welt und des Schicksals nur Bewegungen sind. Und es ist letzten
Endes nur die Erkenntnis einer ursprünglichsten Form,
wenn er von seiner Welt sagt:
Im Anfang war Bewegung. Denn auch das Wort ist Bewegung, und
im Anfang war das Wort!
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 58f]
Der Kranke ist nicht nur der Krüppel, der leidet.
Er wird die Krankheit selbst, das Leid der ganzen Kreatur
scheint aus seinem Leib und bringt das Mitleid herab von dem
Schöpfer. [...]
Eine Hure ist nicht mehr ein Gegenstand, behängt und
bemalt mit den Dekorationen ihres Handwerks. Sie wird ohne
Parfüme, ohne Farben, ohne Tasche, ohne wiegende Schenkel
erscheinen. Aber ihr eigentliches Wesen muß aus ihr
herauskommen, daß in der Einfachheit der Form doch alles
gesprengt wird von den Lastern, der Liebe, der Gemeinheit
und der Tragödie, die ihr Herz und ihr Handwerk ausmachen.
Denn die Wirklichkeit ihres menschlichen Daseins ist ohne
Belang. Ihr Hut, ihr Gang, ihre Lippe [58] sind Surrogate.
Ihr eigentliches Wesen ist damit nicht erschöpft.
Die Welt ist da. Es wäre sinnlos, sie zu wiederholen.
Kasimir Edschmid: Über den dichterischen Expressionismus
[O.F.Best 62f]
Bei Plastiken Rodins sind die Oberflächen noch
zerrissen, jede Linie, jede Gebärde noch orientiert nach
einem Affekt, einem Moment, einer einmaligen Handlung, kurz:
eingefangen in dem Augenblick, und bei aller Kraft doch unterworfen
[62] einer psychologischen Vorstellung. Einer denkt, zwei
andere küssen sich. Es bleibt ein Vorgang.
Bei modernen Figuren sind die Oberflächen mit kurzem
Umriß gegeben, die Furchen geglättet, nur das Wichtige
modelliert. Aber die Figur wird typisch, nicht mehr untertan
»einem« Gedanken, nicht mehr hinauszuckend in
die Sekunde, vielmehr sie erhält Geltung in die Zeit.
Alles Nebensächliche fehlt. Das Wichtige gibt die Idee:
nicht mehr ein Denkender, nein: das Denken. Nicht zwei Umschlungene:
nein, die Umarmung selbst.
Picard, Max: Expressionismus [O.F.Best 74]
Das Pathos aber allein genügt nicht, ein Ding aus
dem Chaos zu fixieren. Man muß ein Ding noch verwandeln,
als ob es niemals mit den anderen Dingen des Chaos in Beziehung
gewesen wäre, damit es von ihnen nicht mehr erkannt wird
und nicht mehr auf sie reagieren kann. Man muß abstrakt
sein, typisieren, damit das Erreichte nicht wieder ins Chaos
zurückgleitet.
Themenschwerpunkte:
- Stadt
ambivalente Einstellung zur Stadt
- Vergänglichkeit
Die junge Dichtergeneration sah ihre Gesellschaft als hinfällig,
morbide und als vom Untergang gezeichnet an.
- Krieg
Filippo Tommaso Marinetti: Wir wollen den Krieg
preisen, - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus,
den Patriotismus, die schönen Gedanken, die töten
[...]
Juli 1910 Tagebuchnotiz von Georg Heym: Geschähe
doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut.
Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte
noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren.
Der neue Mensch
Ernst Toller - in seiner Autobiographie
Ich stehe im Graben, mit dem Pickel schürfe ich
die Erde. Die stählerne Spitze bleibt hängen, ich
zerre und ziehe sie mit einem Ruck heraus. An ihr hängt
ein schleimiger Knoten, und wie ich mich beuge, sehe ich,
es ist menschliches Gedärm. Ein toter Mensch ist hier
begraben. [...] Und plötzlich, als teile sich die Finsternis
vom Licht, das Wort vom Sinn, erfasse ich die einfache Wahrheit
[...]. Alle diese Toten sind Menschen, alle diese Toten haben
geatmet wie ich, alle diese Toten hatten einen Vater, eine
Mutter, Frauen, die sie liebten. [...] In dieser Stunde weiß
ich, daß ich blind war, weil ich mich geblendet hatte,
in dieser Stunde weiß ich endlich, daß alle diese
Toten, Franzosen und Deutsche, Brüder waren, und daß
ich ihr Bruder bin.
Pinthus, Kurt: Zuvor [O.F.Best 84]
Alle Gedichte dieses Buches entquellen der Klage um
die Menschheit, der Sehnsucht nach der Menschheit. Der Mensch
schlechthin, nicht seine privaten Angelegenheiten und Gefühle,
sondern die Menschheit, ist das eigentliche unendliche Thema.
Diese Dichter fühlten zeitig, wie der Mensch in die Dämmerung
versank ..., sank in die Nacht des Untergangs ..., um wieder
aufzutauchen in die sich klärende Dämmerung neuen
Tags. In diesem Buch wendet sich bewußt der Mensch aus
der Dämmerung der ihm aufgedrängten, ihn umschlingenden,
verschlingenden Vergangenheit und Gegenwart in die erlösende
Dämmerung einer Zukunft, die er selbst sich schafft.
Ernst Stadler Geschichte der deutschen Lyrik der neuesten
Zeit (Vorlesung 1914)
Der Begriff des Lebens erhält eine nie geahnte
Wichtigkeit. Er muß bei einer tief religiös gearteten
Natur wie der Nietzsches alles das vertreten, was an erhaltenden,
bleibenden Gefühls-Werten der Welt durch den Verlust
des positiven Gottesglaubens abhanden gekommen war. So rückt
die Apotheose des Lebens an die Stelle des metaphysischen
Glaubens.
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