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Lyrik des expressio- nistischen Jahrzehnts
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Lektüre - Expressionismus - Gottfried Benn


Gottfried Benn: Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Einleitung. - München (dtv) 1974

Die Auswahl der Gedichte für die vorliegende Anthologie ist nicht von mir, sie stammt von dem Verleger des Buches und seiner sehr lyrikerfahrenen Lektorin, Fräulein Marguerite Schlüter.

Der Titel sollte ursprünglich lauten: „Lyrik des Expressionismus.“ In dieser Form erhielt ich Einblick in das Manuskript, und nun begannen die Schwierigkeiten. Ich fand, dass eine große Zahl von den ausgesuchten Gedichten mit Expressionismus nichts zu tun hatten, ja ich wusste selbst bei den aus meiner Produktion ausgesuchten Versen nicht, warum sie expressionistisch sein sollten.


„Der Arzt“, „Englisches Café“, „Der junge Hebbel“ - wieso expressionistisch? Hatzfeld, Kasack, Klabund, Lichnowsky, Loerke, Vagts - wieso Expressionisten? Und nun begannen die Schwierigkeiten zu einem Problem zu werden, das den Verleger und mich wochenlang beschäftigte. Der Verleger sagte: Der und der sind in der und der literathistorischen Abhandlung von dem und dem als Expressionisten bezeichnet.

Das und das Gedicht ist von dem und dem Essayisten als typisches expressionistisches Gebilde angeführt. Ich sagte, wissen Sie nun aber daraufhin, was ein expressionistisches Gedicht eigentlich ist? Ich meinerseits weiß es nicht, wäre es nicht vielleicht angebracht, von einem namhaften Experten der modernen Literatur etwa sechs der von Ihnen ausgesuchten Gedichte analysieren zu lassen, um den spezifisch expressionistischen Stil dem Publikum darzustellen? Diese könnten dann als Test gelten. Alles schon geschehen, sagte der Verleger, siehe oben, eine einheitliche Auffassung liegt nicht vor, lassen Sie uns beide weiterstudieren.


Wir studierten also weiter, und zwar vor allem folgende Arbeiten: F. J. Schneider, Der expressive Mensch und die deutsche Lyrik der Gegenwart; Paul Fechter, Deutsche Literaturgeschichte; H. E. Jacob, Verse der Lebenden; A. Schirokauer, Expressionismus der Lyrik; Kindermann-Dietrich, Lexikon der Weltliteratur; A. Soergel, Im Banne des Expressionismus; Kurt Pinthus, Menschheitsdämmerung; O. Loerke, Formprobleme der Lyrik (im Jahrbuch der Preußischen Akademie der Künste); Alain Bosquet, Surrealismus.

Dies und vieles andere arbeiteten wir durch, um schließlich bei einem Satz von Helmuth Uhlig zu enden, der in seinem Essay „Revision des Expressionismus“ („Neue Zeitung“ vom 11.7.54) schreibt: „Durchaus nicht alle mit der Kennmarke des Expressionismus versehenen Dichter sind expressiv und nicht nur die expressiven sind repräsentativ für die Epoche.“ Unser Studium dieser vielfältigen, widerspruchsvollen, zum Teil auch unmethodischen Untersuchungen bestimmte den Verleger dann, den Titel in: „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ zu ändern.

Dass dies das Jahrzehnt von 1910 bis 1920 war, ist wohl allgemein bekannt. Aber: Expressiv - was ist nun das und was ist der Expressionismus? Gab es ihn überhaupt? Fechter legt in seiner Literaturgeschichte dar, dass der Name einige Zeit nach den beiden Bildausstellungen auftauchte, die die Künstler der „Brücke“ im Jahre 1906 und 1907 in Dresden veranstalteten. Im Jahre 1910, sagt Fechter, wurde er „erfunden“. 1910, das ist ja in der Tat das Jahr, in dem es in allen Gebälken zu knistern begann. Bei Martini dagegen lesen wir: „Im Jahre 1911 benutzte W. Worringer in der von Herwarth Walden herausgegebenen Zeitschrift „Der Sturm“ den kurz nach der Jahrhundertwende durch den Maler J.A. Herve in Frankreich eingeführten Begriff Expressionismus, um eine Formel für die neue Kunst Cézannes, van Goghs und Matisses zu finden.“ Was die Literatur angeht, so fand sie, soweit ich sehen kann, den ersten programmatischen Ausdruck in Italien.


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