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Lyrik des expressio- nistischen Jahrzehnts
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Deutsche Literatur
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Lektüre - Expressionismus


Wer fragte denn sonst noch eigentlich nach dem Menschen?

Wer fragte denn sonst noch eigentlich nach dem Menschen? Etwa die Wissenschaft, diese monströse Wissenschaft, in der es nichts gab als unanschauliche Begriffe, künstliche abstrahierte Formeln, das Ganze eine im Goetheschen Sinne völlig sinnlose konstruierte Welt? Hier wurden Theorien, die auf der ganzen Erde nur von acht Spezialisten verstanden wurden, von denen sie fünf bestritten, Landhäuser, Sternwarten und Indianertempel geweiht; aber wenn sich ein Dichter über sein besonderes Worterlebnis beugte, ein Maler über seine persönlichen Farbenglücke, so war das anarchisch, formalistisch, gar eine Verhöhnung des Volkes.

Es war damals noch nicht die Zeit zu wissen, was jetzt in das allgemeine Bewußtsein dringt, daß die Kunst eine spezialistische Seite hat, daß diese spezialistische Seite in gewissen kritischen Zeiten ganz besonders in Erscheinung treten muß, und daß der Weg der Kunst zum Volk nicht immer der direkte einer unmittelbaren Aufnahme der Vision von der Allgemeinheit sein kann.

Was meine Sparte angeht: Von Goethe bis George und Hofmannsthal hatte die deutsche Sprache eine einheitliche Färbung, eine einheitliche Richtung und ein einheitliches Gefühl, jetzt war es aus, der Aufstand begann. Ein Aufstand mit Eruptionen, Ekstasen, Haß, neuer Menschheitssehnsucht, mit Zerschleuderung der Sprache zur Zerschleuderung der Welt. Andere Gestalten, andere Gestalter traten jetzt auf als die Landschaftsbeträumer und Blümchenverdufter, die dem deutschen Publikum als innige Poeten aufgeredet wurden (und heute wieder aufgeredet werden) - sie schlugen ihr Sein in die Gasretorte, und damit es leuchtete, hielten sie sie schräg.

Sie kondensierten, filtrierten, experimentierten, um mit dieser expressiven Methode sich, ihren Geist, die aufgelöste, qualvolle, zerrüttete Existenz ihrer Jahrzehnte bis in jene Sphären der Form zu erheben, in denen über versunkenen Metropolen und zerfallenen Imperien der Künstler, er allein, seine Epoche und sein Volk der menschlichen Unsterblichkeit weiht. Gelang es ihnen? Man kann sich kein Urteil über die Bewegung bilden, wenn man sich nicht fragt, was aus ihr geworden wäre, wenn nicht der Krieg und dann die geschichtlichen Wendungen dieses gesamte Europa unterbrochen hätten. Ihre ersten Opfer brachten sie im ersten Krieg: Stramm, Stadler, Lichtenstein, Marc, Macke, Rudi Stephan, Lotz, Engelke, Sorge fielen, Trakl wurde ein freiwilliges Opfer des Krieges, andere starben früh. Und wenn sie alt geworden wären? Ich bin sicher, und ich sehe und höre es von anderen, daß alle die echten Expressionisten, die jetzt also etwa meines Alters sind, dasselbe erlebt haben wie ich: daß gerade sie aus ihrer chaotischen Anlage und Vergangenheit heraus einer nicht jeder Generation erlebbaren Entwicklung von stärkstem innerem Zwang erlegen sind zu einer neuen Bindung und zu einem neuen geschichtlichen Sinn. Form und Zucht steigt als Forderung von ganz besonderer Wucht aus jenem triebhaften, gewalttätigen und rauschhaften Sein, das in uns lag und das wir auslebten, in die Gegenwart auf. Gerade der Expressionist erfuhr die sachliche Notwendigkeit, die die Handhabung der Kunst erfordert, ihr handwerkliches Ethos, die Moral der Form. Zucht will er, da er der Zersprengteste war; und keiner von ihnen, ob Maler, Musiker, Dichter, wird den Schluß jener Mythe anders wünschen, als daß Dionysos endet und ruht zu Füßen des klaren delphischen Gottes.
Noch aber steht sie da: 1910-1920.

Meine Generation! Hämmert das Absolute in abstrakte, harte Formen: Bild, Vers, Flötenlied. Arm und rein, nie am bürgerlichen Erfolg beteiligt, am Ruhm, am Fett des schlürfenden Gesindes. Lebt von Schauen, macht Kunst. Meine Generation - und heute fast alle tot - nur in den bildenden Künsten sind noch einige große Alte da. Nimmt man die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ zur Hand, die Kurt Pinthus 1920 als erste und einzige Sammlung dieses lyrischen Kreises herausgab, so zeigt sich, es ist auf dem westlichen Kontinent außer mir kaum noch jemand da. Es war eine belastete Generation: verlacht, verhöhnt, politisch als entartet ausgestoßen - eine Generation jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Kriegen betroffen, auf kurzes Leben angelegt. Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt, welches das schwerere Verhängnis ist, ein Frühvollendeter oder ein Überlebender, ein Altgewordener zu sein.

Ein Überlebender, der zusätzlich die Aufgabe übernehmen mußte, die Irrungen seiner Generation und seine eigenen Irrungen weiterzutragen, bemüht, sie zu einer Art Klärung, zu einer Art Abgesang zu bringen, sie bis in die Stunde der Dämmerung zu führen, in der der Vogel der Minerva seinen Flug beginnt. Meine Erfahrung hinsichtlich des Überlebens heißt: Bis zum letzten Augenblick nichts anerkennen können als die Gebote seines inneren Seins, oder, um mit einem Satz von Joseph Conrad zu enden: „Dem Traum folgen und nochmals dem Traum folgen und so ewig - usque ad finem.“ Das heißt, man muß als Künstler auf die Dauer nicht nur Talent, sondern auch Charakter haben und tapfer sein.


Also der Expressionismus und das expressionistische Jahrzehnt: einige über den Kontinent verstreute Gehirne mit einer neuen Realität und mit neuen Neurosen. Stieg auf, schlug seine Schlachten auf allen katalaunischen Gefilden und verfiel. Trug seine Fahne über Bastille, Kreml, Golgatha, nur auf den Olymp gelangte er nicht oder auf anderes klassisches Gelände.

Was schreiben wir auf sein Grab? Was man über dies alles schreibt, über alle Leute der Kunst, das heißt der Schmerzen, schreiben wir auf das Grab einen Satz von mir, mit dem ich zum letztenmal ihrer aller gedenke: „Du stehst für Reiche, nicht zu deuten, und in denen es keine Siege gibt.“

Gottfried Benn
20. Januar 1955





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