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Lyrik des expressio- nistischen Jahrzehnts
aufgeteilt in:
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Deutsche Literatur
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Lektüre - Expressionismus


...das Futuristische Manifest von Marinetti...

Vor mir liegt das Futuristische Manifest von Marinetti, das am 20. Februar 1909 im Pariser „Figaro“ erschien. Dies Manifest enthält erstaunliche Dinge, schon den ganzen Kern der kommenden Woge: Das Antihistorische: „Ein rasendes Automobil ist schöner als die Nike von Samothrake“, „Ein altes Bild bewundern heißt, die Aufmerksamkeit auf eine Urne mit Leichenteilen richten“, aber auch schon stilistische Ordres werden gegeben, wie „il faut abolir l'adjectif“, „détruire le ,Je‘ dans la littérature“, das Lob des Hässlichen und „les mots en liberté“ - kurz Haltungen und Motive, die der deutsche Expressionismus unabhängig von Marinetti spontan und autochthon in seinen Produktionen zelebrierte.

In den deutschen literarhistorischen Werken werden als Vorläufer des Expressionismus von Schneider Mombert (geb. 1872) und Else Lasker-Schüler (geb. 1876) ausführlich analysiert. (Übrigens, was heißt bei einer so fragwürdigen Sache „Vorläufer“? Was für ein Lauf ist das und was für ein Vorlauf?) Andere nennen den Charon-Kreis (1904 gegründet) und namentlich Otto zur Linde (geb. 1873) als Ahnen des neuen Stils. Einige finden bei Rilke (im Gedicht „Der Panther“) „Abbiegen von den Pfaden der Eindruckskunst“ und halten bei diesem Gedicht „eine expressionistische Auslegung für möglich“.

Andere weisen auf Bergsons Intuitionismus und Husserls Phänomenologie hin als innere Grundlage der konstruktiven Unruhe in Europa. In einem im Dezember-Heft der Monatsschrift „Merkur“ erschienenen interessanten Rückblick über deutsche Lyrik von Heinrich Stammler heißt es: „Der Expressionismus steht in der Schuld Rimbauds und Whitmans, zugleich aber strebte er zurück zum Rhythmus und Pathos des Barock sowohl des Sturmes und Dranges, Klopstocks und Hölderlins.“ Mit dem Barock muss ein Zusammenhang wohl bestehen, das hat man seit dreißig Jahren öfter gelesen, und diese Darlegungen haben immer etwas Überzeugendes gehabt.

Aber im übrigen, was zum Beispiel meine Person angeht, so habe ich von Whitman in meinem ganzen Leben nicht mehr als eine oder zwei Seiten gelesen, und Rimbaud habe ich erst jetzt näher kennen gelernt durch die neue Gesamtausgabe im Limes Verlag, 1954. Ich glaube, dass die Beeinflussung von zur Produktion veranlagten jungen Leuten durch die frühere Literatur nicht so groß ist, wie vielfach angenommen wird (wahrscheinlich zum Leidwesen der Literarhistoriker).

Ich würde eher sagen, dass sich im Verlauf einer Kulturperiode innere Lagen wiederholen, gleiche Ausdruckszwänge wieder hervortreten, die eine Weile erloschen waren - so wiederholte sich im Expressionismus zwar Sturm und Drang, aber ohne eine bewusste Beziehung auf Klopstock und Hölderlin. Auf gewisse Vorfahren der Expressionisten komme ich zurück.

Was erfahren wir über den Expressionismus sonst aus dem Schrifttum? „Das törichte Wort Expressionismus (Jacob).“ „Das Personsein wird die expressionistische Erbsünde (Fechter).“ „Das grammatische Bild ist das Bild einer Sprengung (Jacob).“ „Soweit die Lyrik Form ist, ist sie nicht Expressionismus (Schirokauer).“ „Das Inbild des Lebens wird wichtiger als das Abbild (Kindermann).“ „Der Expressionismus ist der eigentliche Vollstrecker von Nietzsches Testament (Schneider).“ „Kosmische Entgrenzung (Schneider).

“ Und nun wollen wir eine detaillierte Analyse eines Strammschen Gedichts von Schirokauer anhören: „In Stramms Gedicht ,Menschheit‘ gibt es eine Stelle: ,Pstn Pstn / Hsstn Hsstn / Winzge Schirre‘ - Da hat ein ekstatisches Gefühl die Körperlichkeit der Vokale gänzlich ausgeschieden. Nur der Konsonant, der Mittöner, ist Mitglied einer Gemeinschaft. Der Selbstlauter, der für sich steht, Silben bildet und Besitz an Stimme hat, ist verbannt aus diesem Reiche.

Einzig noch i (Winzge Schirre), umschüttet von Spiranten und Affrikaten, selbst zu Übergang von vokalischem Glied in konsonantisches Mitglied (j) bereit, darf bestehen.“ Hierzu darf ich bemerken, dass ich Spirant und Affrikate noch nie gehört hatte, ich schlug im Knaur nach, Spirant ist „Reibelaut“, über Affrikate war nichts zu erfahren.


Keineswegs einfacher wird die Frage nach dem Expressionismus, wenn man den einzelnen Lyriker betrachtet, zum Beispiel Heym. Er gilt als Vertreter der neuen lyrischen Richtung schlechthin. Man liest über ihn: „Aufgelöste, von Enjambements zerrissene Sonettenform“ - „die Schatten einer fieberhaft irren Gespenstigkeit“ - „die Spannung einer fast quälerischen Herbe“ - „barocke Wucht und Grässlichkeit seiner Visionen“ - also alles Stigmata der kosmischen Entgrenzung und der visionären Ekstase, die man dem Expressionismus zuspricht. Und dann stößt man bei Heym auf ein Gedicht „Letzte Wache“: Kein Sturm, kein Drang, keine Satzbauzerrüttung, es ist ein Gedicht aus vier Versen mit je vier Reihen, die zweite und vierte gereimt, es ist ein ganz schlichtes Gedicht, trauervoll, tränenvoll, von einer Melancholie ganz ohnegleichen.



Ist er also ein Expressionist oder nicht? Die gleiche Frage kann man bei Johannes R. Becher aufwerfen, dessen erster Versband „Triumph und Verfall“ als Prototyp des Expressionismus bis heute gilt und mit dem kritischen Signum „fäkales Barock“ versehen wurde. Dann einige Jahre später veröffentlicht er einen Band „Gedichte um Lotte“, der sanfte, zarte Liebeslyrik im alten Stil enthält.


Also was ist der Expressionismus? Ein Konglomerat, eine Seeschlange, das Ungeheuer von Loch Ness, eine Art Ku-Klux-Klan? Oder trifft vielleicht zu, was 1934 ein berühmter Balladendichter, der bis 1933 etwas hatte zurücktreten müssen, in einem Verlagsalmanach wörtlich schrieb: „Das Milieu dieser expressionistischen Generation bilden Deserteure, Zuchthäusler und Verbrecher, die mit enormem Spektakel ihre Ware heraufgetrieben haben, wie betrügerische Börsianer eine faule Aktie, von zuchtloser Unanständigkeit“, und dann nannte er Namen (darunter auch meinen). Ich möchte schon an dieser Stelle aussprechen, daß es sich nicht so verhält. Der Expressionismus war keineswegs eine besonders monströse Entartung, keine verbale Unentwirrbarkeit und trug nicht die Zeichen eines besonders ernsten charakterlichen Verfalls.

Der Expressionismus drückte nichts anderes aus als die Dichter anderer Zeiten und Stilmethoden: sein Verhältnis zur Natur, seine Liebe, seine Trauer, seine Gedanken über Gott. Der Expressionismus war etwas absolut Natürliches, soweit Kunst und Stil etwas Natürliches sind und mit der Einschränkung, daß Gott und Natur für jede Generation etwas anderes werden. Über dies Anderssein später mehr.

Ich werde im folgenden die Bezeichnung Expressionismus unkritisch in dem ihr seit vier Jahrzehnten zugewachsenen Sinn verwenden. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, daß dieser Stil - der in anderen Ländern Futurismus, Kubismus, später Surrealismus genannt wurde, in Deutschland die Bezeichnung Expressionismus behaltend, vielfältig in seiner empirischen Abwandlung, einheitlich in seiner inneren Grundhaltung als Wirklichkeitszertrümmerung, als rücksichtsloses An-die-Wurzel-der-Dinge-Gehen bis dorthin. wo sie nicht mehr individuell und sensualistisch gefärbt, gefälscht, verweichlicht verwertbar in den psychologischen Prozeß verschoben werden können, sondern im akausalen Dauerschweigen des absoluten Ich der seltenen Berufung durch den schöpferischen Geist entgegensehen -, dieser Stil schon seine Vorankündigung im ganzen neunzehnten Jahrhundert hatte.

Wir finden bei Goethe zahlreiche Partien, die rein expressionistisch sind, zum Beispiel Verse jener berühmten Art: „Entzahnte Kiefer schnattern und das schlotternde Gebein, Trunkener vom letzten Strahl“ und so weiter, hier ist eine inhaltliche Beziehung zwischen den einzelnen Versen überhaupt nicht mehr da, sondern nur noch eine ausdruckhafte; nicht ein Thema wird geschlossen vorgeführt, sondern innere Erregungen, magische Verbindungszwänge rein transzendenter Art stellen den Zusammenhang her.

Eine Unzahl solcher Stellen gibt es im zweiten Teil des „Faust“, allgemein im Werk namentlich des alten Goethe. Dasselbe gilt für Kleist:„Penthesilea“ ist eine dramatisch geordnete, versgewordene reine Orgie der Erregung.


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