Gottfried Benn: Lyrik des
expressionistischen Jahrzehnts. Einleitung. - München (dtv)
1974
Die Auswahl der Gedichte für die vorliegende Anthologie
ist nicht von mir, sie stammt von dem Verleger des Buches
und seiner sehr lyrikerfahrenen Lektorin, Fräulein Marguerite
Schlüter. Der Titel sollte ursprünglich lauten:
Lyrik des Expressionismus. In dieser Form erhielt
ich Einblick in das Manuskript, und nun begannen die Schwierigkeiten.
Ich fand, dass eine große Zahl von den ausgesuchten
Gedichten mit Expressionismus nichts zu tun hatten, ja ich
wusste selbst bei den aus meiner Produktion ausgesuchten Versen
nicht, warum sie expressionistisch sein sollten. Der
Arzt, Englisches Café, Der
junge Hebbel - wieso expressionistisch? Hatzfeld, Kasack,
Klabund, Lichnowsky, Loerke, Vagts - wieso Expressionisten?
Und nun begannen die Schwierigkeiten zu einem Problem zu werden,
das den Verleger und mich wochenlang beschäftigte.
Der Verleger sagte: Der und der sind in der und der literathistorischen
Abhandlung von dem und dem als Expressionisten bezeichnet.
Das und das Gedicht ist von dem und dem Essayisten als typisches
expressionistisches Gebilde angeführt.
Der Expressionismus in Deutschland [O.F.Best 37] der
Impressionismus ist eine Stillehre, der Expressionismus eine
Norm des Erlebens, des Handelns, umfassend also der Weltanschauung.
Bewegung - politischer
und geistiger Hintergrund / Expressionismus
Kurt Pinthus in Die Erhebung:
Eine Zeit ist gekommen, da die Kunst nicht mehr isoliert
und abgesprengt von den anderen Ausdrucksmöglichkeiten
des menschlichen Geistes verharrt... es geht ihr nicht um die
Kunstfertigkeit - sondern um den Willen - den Willen der Menschheit.
Diese Kunst wird also allenthalben das Ästhetische zersprengen.
Hier mündet die Kunst ins Ethische, ins Politische, fraglich,
ob zum Besten der Kunst, sicherlich zum Besten der Menschheit
Picard, Max: Expressionismus [O.F.Best 73]
Aus dem Chaos, in dem die Dinge kaum einen Namen haben,
damit sie von allem und zu allem gerufen werden können,
aus diesem namenlosen Chaos ruft der neue, expressionistische
Mensch das Ding heraus zu sich. Er ruft die Dinge bei ihrem
Namen an: Du Wald, sagt er, und du Stadt, damit der Wald und
die Stadt sich aus dem Chaos wieder auseinander ordnen.
- Strindberg Mysterien-Dramen (Nach Damaskus, Ein Traumspiel,
Gespenstersonate) -
- Von Dostojewskijs und Tolstojs Werk - besonders die mystischen
und sozialanklägerischen Züge.
- Menschheitsglaube des Amerikaners Walt Whitman, bzw. der
schmerzvolle Schauder vor dem Leben der französischen
Symbolisten von Baudelaire bis Verlaine
- Für die sprachlichen Neuerungen - die Manifeste des
italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. Herwarth
Walden propagierte Marinettis Ideen im Sturm, und auch August
Stramm wurde von ihm beeinflußt.