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Märchen der Gebrüder Grimm. KHM (Kinder und Hausmärchen)
Nr. 89.
Die Gänsemagd
Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl
schon lange Jahre gestorben, und sie hatte eine schöne
Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld an
einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo
sie vermählt werden sollten und das Kind in das fremde
Reich abreisen mußte, packte ihr die Alte gar viel köstliches
Gerät und Geschmeide ein, Gold und Silber, Becher und
Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz
gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb.
Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten
und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern
sollte, und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd
der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen.
Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter
in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit
in ihre Finger, daß sie bluteten; darauf hielt sie ein
weißes Läppchen unter und ließ drei Tropfen
Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach: »Liebes
Kind, verwahre sie wohl, sie werden dir unterwegs not tun.«
Also nahmen beide voneinander betrübten Abschied; das
Läppchen steckte die Köngstochter in ihren Busen
vor sich, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem
Bräutigam. Da sie eine Stunde geritten waren, empfand
sie heißen Durst und sprach zu ihrer Kammerjungfer:
»Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den
du für mich mitgenommen hast, Wasser aus dem Bache, ich
möchte gern einmal trinken.«
»Wenn Ihr Durst habt«, sprach die Kammerjungfer,
»so steigt selber ab, legt Euch ans Wasser und trinkt,
ich mag Eure Magd nicht sein.« Da stieg die Königstochter
vor großem Durst herunter, neigte sich über das
Wasser im Bach und trank und durfte nicht aus dem goldenen
Becher trinken. Da sprach sie: »Ach Gott!« Da
antworteten die drei Blutstropfen: »Wenn das deine Mutter
wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen.«
Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts und
stieg wieder zu Pferd.
So ritten sie etliche Meilen weiter fort, aber der Tag war
warm, die Sonne stach, und sie durstete bald von neuem. Da
sie nun an einen Wasserfluß kamen, rief sie noch einmal
ihrer Kammerjungfer: »Steig ab und gib mir aus meinem
Goldbecher zu trinken«, denn sie hatte alle bösen
Worte längst vergessen. Die Kammerjungfer sprach aber
noch hochmütiger: »Wollt Ihr trinken, so trinkt
allein, ich mag nicht Eure Magd sein.« Da stieg die
Königstochter hernieder vor großem Durst, legte
sich über das fließende Wasser, weinte und sprach:
»Ach Gott!« Und die Blutstropfen antworteten wiederum:
»Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im
Leibe tät ihr zerspringen.«
Und wie sie so trank und sich recht überlehnte, fiel
ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem
Busen und floß mit dem Wasser fort, ohne daß sie
es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerjungfer hatte
aber zugesehen und freute sich, daß sie Gewalt über
die Braut bekäme; denn damit, daß diese die Blutstropfen
verloren hatte, war sie schwach und machtlos geworden.
Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hieß
Falada, sagte die Kammerfrau: »Auf Falada gehör
ich, und auf meinen Gaul gehörst du«, und das mußte
sie sich gefallen lassen. Dann befahl ihr die Kammerfrau mit
harten Worten, die königlichen Kleider auszuziehen und
ihre schlechten anzulegen, und endlich mußte sie sich
unter freiem Himmel verschwören, daß sie am königlichen
Hof keinem Menschen etwas davon sprechen wollte; und wenn
sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf
der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles an
und nahm's wohl in acht. Die Kammerfrau stieg nun auf Falada
und die wahre Braut auf das schlechte Roß, und so zogen
sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloß
eintrafen.
Da war große Freude über ihre Ankunft, und der
Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau
vom Pferde und meinte, sie wäre seine Gemahlin; sie ward
die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter
aber mußte unten stehenbleiben. Da schaute der alte
König aus dem Fenster und sah sie im Hof halten und sah,
wie sie fein war, zart und gar schön; ging alsbald hin
ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der,
die sie bei sich hätte und da unten im Hofe stände,
und wer sie wäre? »Die hab ich mir unterwegs mitgenommen
zur Gesellschaft; gebt der Magd etwas zu arbeiten, daß
sie nicht müßig steht.« Aber der alte König
hatte keine Arbeit für sie und wußte nichts, als
daß er sagte: »Da hab ich so einen kleinen Jungen,
der hütet die Gänse, dem mag sie helfen.«
Der Junge hieß Kürdchen, dem mußte die wahre
Braut helfen Gänse hüten.
Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König:
»Liebster Gemahl, ich bitt Euch, tut mir einen Gefallen.«
Er antwortete: »Das will ich gerne tun.«
»Nun, so laßt den Schinder rufen und da dem Pferde,
worauf ich hergeritten bin, den Hals abhauen, weil es mich
unterwegs geärgert hat.« Eigentlich aber fürchtete
sie, daß das Pferd sprechen möchte, wie sie mit
der Königstochter umgegangen war. Nun war das so weit
geraten, daß es geschehen und der treue Falada sterben
sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr,
und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld,
das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst
erwiese.
In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends
und morgens mit den Gänsen durch mußte, unter das
finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln,
daß sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte.
Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf
ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.
Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Tor
hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen:
»O du Falada, da du hangest«,
da antwortete der Kopf:
»O du Jungfer Königin,
Da du gangest,
Wenn das deine Mutter wüßte,
Ihr Herz tät ihr zerspringen.«
Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben
die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen
war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren
eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich, wie
sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach
sie:
»Weh, weh, Windchen,
Nimm Kürdchen sein Hütchen
Und laß'n sich mit jagen,
Bis ich mich geflochten und geschnatzt
Und wieder aufgesatzt.«
Und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen
sein Hütchen wegwehte über alle Land, und es mußte
ihm nachlaufen. Bis es wiederkam, war sie mit dem Kämmen
und Aufsetzen fertig, und es konnte keine Haare kriegen. Da
war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so
hüteten sie die Gänse, bis daß es Abend ward,
dann gingen sie nach Haus. - Den andern Morgen, wie sie unter
dem finstern Tor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:
»O du Falada, da du hangest«,
Falada antwortete:
»O du Jungfer Königin,
Da du gangest,
Wenn das deine Mutter wüßte,
Das Herz tät ihr zerspringen.«
Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing
an, ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und
wollte danach greifen, da sprach sie schnell:
»Weh, weh, Windchen,
Nimm Kürdchen sein Hütchen
Und laß'n sich mit jagen,
Bis ich mich geflochten und geschnatzt
Und wieder aufgesatzt.«
Da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf
weit weg, daß Kürdchen nachlaufen mußte;
und als es wiederkam, hatte sie längst ihr Haar zurecht,
und es konnte keins davon erwischen; und so hüteten sie
die Gänse, bis es Abend ward. Abends aber, nachdem sie
heimgekommen waren, ging Kürdchen vor den alten König
und sagte: »Mit dem Mädchen will ich nicht länger
Gänse hüten.«
»Warum denn?« fragte der alte König. »Ei,
das ärgert mich den ganzen Tag.« Da befahl ihm
der alte König zu erzählen, wie's ihm denn mit ihr
ginge. Da sagte Kürdchen: »Morgens, wenn wir unter
dem finstern Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein
Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie:
'Falada, da du hangest'
da antwortet der Kopf:
'O du Königsjungfer,
Da du gangest,
Wenn das deine Mutter wüßte,
Das Herz tät ihr zerspringen.'«
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Und so erzählte Kürdchen weiter, was auf der Gänsewiese
geschähe und wie es da dem Hut im Winde nachlaufen müßte.
Der alte König befahl ihm, den nächsten Tag wieder
hinauszutreiben, und er selbst, wie es Morgen war, setzte
sich hinter das finstere Tor und hörte da, wie sie mit
dem Haupt des Falada sprach; und dann ging er ihr auch nach
in das Feld und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da
sah er nun bald mit seinen eigenen Augen, wie die Gänsemagd
und der Gänsejunge die Herde getrieben brachten und wie
nach einer Welle sie sich setzte und ihre Haare losflocht,
die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder:
»Weh, weh, Windchen,
Faß Kürdchen sein Hütchen,
Und laß'n sich mit jagen,
Bis ich mich geflochten und geschnatzt
Und wieder aufgesatzt.«
Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut
weg, daß es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte
und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König
alles beobachtete.
Darauf ging er unbemerkt zurück, und als abends die Gänsemagd
heimkam, rief er sie beiseite und fragte, warum sie dem allem
so täte?´»Das darf ich Euch nicht sagen und
darf auch keinem Menschen mein Leid klagen, denn so hab ich
mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein
Leben gekommen wäre.« Er drang in sie und ließ
ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen.
Da sprach er: »Wenn du mir nichts sagen willst, so klag
dem Eisenofen da dein Leid«, und ging fort.
Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jammern und zu weinen,
schüttete ihr Herz aus und sprach: »Da sitze ich
nun von aller Welt verlassen und bin doch eine Königstochter,
und eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dahin gebracht,
daß ich meine königlichen Kleider habe ablegen
müssen, und hat meinen Platz bei meinem Bräutigam
eingenommen, und ich muß als Gänsemagd gemeine
Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüßte, das Herz
im Leib tät ihr zerspringen.« Der alte König
stand aber außen an der Ofenröhre, lauerte ihr
zu und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder herein
und hieß sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche
Kleider angetan, und es schien ein Wunder, wie sie so schön
war.
Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, daß
er die falsche Braut hätte: Die wäre bloß
ein Kammermädchen; die wahre aber stände hier als
gewesene Gänsemagd. Der junge König war herzensfroh,
als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes
Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde
gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter
zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die
Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr
in dem glänzenden Schmuck.
Als sie nun gegessen und getrunken hatten und gutes Muts waren,
gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf,
was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen
hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte:
»Welches Urteils ist diese würdig?« Da sprach
die falsche Braut: »Sie ist nichts Besseres wert, als
daß sie aus dem Lande gejagt wird.«
»Das bist du«, sprach der alte König, »und
hast dein eigen Urteil gefunden, und danach soll dir widerfahren.«
Und als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der
junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten
ihr Reich in Frieden und Seligkeit.
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