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Märchen der Gebrüder Grimm. KHM (Kinder und Hausmärchen)
Nr. 49.
Die sechs Schwäne
Es jagte einmal ein König in einem großen Wald
und jagte einem Wild so eifrig nach, daß ihm niemand
von seinen Leuten folgen konnte. Als der Abend herankam, hielt
er still und blickte um sich, da sah er, daß er sich
verirrt hatte.
Er suchte einen Ausgang, konnte aber keinen finden. Da sah
er eine alte Frau mit wackelndem Kopfe, die auf ihn zukam;
das war aber eine Hexe.
»Liebe Frau«, sprach er zu ihr, »könnt
Ihr mir nicht den Weg durch den Wald zeigen?«
»O ja, Herr König«, antwortete sie, »das
kann ich wohl, aber es ist eine Bedingung dabei, wenn Ihr
die nicht erfüllt, so kommt Ihr nimmermehr aus dem Wald
und müßt darin Hungers sterben.«
»Was ist das für eine Bedingung?« fragte
der König. »Ich habe eine Tochter«, sagte
die Alte, »die so schön ist, wie Ihr eine auf der
Welt finden könnt, und wohl verdient, Eure Gemahlin zu
werden, wollt Ihr die zur Frau Königin machen, so zeige
ich Euch den Weg aus dem Walde.« Der König in der
Angst seines Herzens willigte ein, und die Alte führte
ihn zu ihrem Häuschen, wo ihre Tochter beim Feuer saß.
Sie empfing den König, als wenn sie ihn erwartet hätte,
und er sah wohl, daß sie sehr schön war, aber sie
gefiel ihm doch nicht, und er konnte sie ohne heimliches Grausen
nicht ansehen.
Nachdem er das Mädchen zu sich aufs Pferd gehoben hatte,
zeigte ihm die Alte den Weg, und der König gelangte wieder
in sein königliches Schloß, wo die Hochzeit gefeiert
wurde.
Der König war schon einmal verheiratet gewesen und hatte
von seiner ersten Gemahlin sieben Kinder, sechs Knaben und
ein Mädchen, die er über alles auf der Welt liebte.
Weil er nun fürchtete, die Stiefmutter möchte sie
nicht gut behandeln und ihnen gar ein Leid antun, so brachte
er sie in ein einsames Schloß, das mitten in einem Walde
stand. Es lag so verborgen und der Weg war so schwer zu finden,
daß er ihn selbst nicht gefunden hätte, wenn ihm
nicht eine weise Frau ein Knäuel Garn von wunderbarer
Eigenschaft geschenkt hätte; wenn er das vor sich hinwarf,
so wickelte es sich von selbst los und zeigte ihm den Weg.
Der König ging aber so oft hinaus zu seinen lieben Kindern,
daß der Königin seine Abwesenheit auffiel; sie
ward neugierig und wollte wissen, was er draußen ganz
allein in dem Walde zu schaffen habe. Sie gab seinen Dienern
viel Geld, und die verrieten ihr das Geheimnis und sagten
ihr auch von dem Knäuel, das allein den Weg zeigen könnte.
Nun hatte sie keine Ruhe, bis sie herausgebracht hatte, wo
der König das Knäuel aufbewahrte, und dann machte
sie kleine weißseidene Hemdchen, und da sie von ihrer
Mutter die Hexenkünste gelernt hatte, so nähete
sie einen Zauber hinein. Und als der König einmal auf
die Jagd geritten war, nahm sie die Hemdchen und ging in den
Wald, und das Knäuel zeigte ihr den Weg.
Die Kinder, die aus der Ferne jemand kommen sahen, meinten,
ihr lieber Vater käme zu ihnen, und sprangen ihm voll
Freude entgegen. Da warf sie über ein jedes eins von
den Hemdchen, und wie das ihren Leib berührt hatte, verwandelten
sie sich in Schwäne und flogen über den Wald hinweg.
Die Königin ging ganz vergnügt nach Haus und glaubte
ihre Stiefkinder los zu sein, aber das Mädchen war ihr
mit den Brüdern nicht entgegengelaufen, und sie wußte
nichts von ihm.
Anderntags kam der König und wollte seine Kinder besuchen,
er fand aber niemand als das Mädchen. »Wo sind
deine Brüder?« fragte der König.
»Ach, lieber Vater«, antwortete es, »die
sind fort und haben mich allein zurückgelassen«,
und erzählte ihm, daß es aus seinem Fensterlein
mit angesehen habe, wie seine Brüder als Schwäne
über den Wald weggeflogen wären, und zeigte ihm
die Federn, die sie in dem Hof hatten fallen lassen und die
es aufgelesen hatte.
Der König trauerte, aber er dachte nicht, daß die
Königin die böse Tat vollbracht hätte, und
weil er fürchtete, das Mädchen würde ihm auch
geraubt, so wollte er es mit fortnehmen. Aber es hatte Angst
vor der Stiefmutter und bat den König, daß es nur
noch diese Nacht im Waldschloß bleiben dürfte.
Das arme Mädchen dachte: Meines Bleibens ist nicht länger
hier, ich will gehen und meine Brüder suchen.
Und als die Nacht kam, entfloh es und ging gerade in den Wald
hinein. Es ging die ganze Nacht durch und auch den andern
Tag in einem fort, bis es vor Müdigkeit nicht weiterkonnte.
Da sah es eine Wildhütte, stieg hinauf und fand eine
Stube mit sechs kleinen Betten, aber es getraute nicht, sich
in eins zu legen, sondern kroch unter eins, legte sich auf
den harten Boden und wollte die Nacht da zubringen. Als aber
die Sonne bald untergehen wollte, hörte es ein Rauschen
und sah, daß sechs Schwäne zum Fenster hereingeflogen
kamen.
Sie setzten sich auf den Boden und bliesen einander an und
bliesen sich alle Federn ab, und ihre Schwanenhaut streifte
sich ab wie ein Hemd. Da sah sie das Mädchen an und erkannte
ihre Brüder, freute sich und kroch unter dem Bett hervor.
Die Brüder waren nicht weniger erfreut, als sie ihr Schwesterchen
erblickten, aber ihre Freude war von kurzer Dauer.
»Hier kann deines Bleibens nicht sein«, sprachen
sie zu ihm, »das ist eine Herberge für Räuber,
wenn die heimkommen und finden dich, so ermorden sie dich.«
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»Könnt ihr mich denn nicht beschützen?«
fragte das Schwesterchen. »Nein«, antworteten
sie, »denn wir können nur eine Viertelstunde lang
jeden Abend unsere Schwanenhaut ablegen und haben in dieser
Zeit unsere menschliche Gestalt, aber dann werden wir wieder
in Schwäne verwandelt.«
Das Schwesterchen weinte und sagte: »Könnt ihr
denn nicht erlöst werden?«
»Ach nein«, antworteten sie, »die Bedingungen
sind zu schwer. Du darfst sechs Jahre lang nicht sprechen
und nicht lachen und mußt in der Zeit sechs Hemdchen
für uns aus Sternenblumen zusammennähen. Kommt ein
einziges Wort aus deinem Munde, so ist alle Arbeit verloren.«
Und als die Brüder das gesprochen hatten, war die Viertelstunde
herum, und sie flogen als Schwäne wieder zum Fenster
hinaus. Das Mädchen aber faßte den festen Entschluß,
seine Brüder zu erlösen, und wenn es auch sein Leben
kostete. Es verließ die Wildhütte, ging mitten
in den Wald und setzte sich auf einen Baum und brachte da
die Nacht zu. Am andern Morgen ging es aus, sammelte Sternblumen
und fing an zu nähen.
Reden konnte es mit niemand, und zum Lachen hatte es keine
Lust; es saß da und sah nur auf seine Arbeit. Als es
schon lange Zeit da zugebracht hatte, geschah es, daß
der König des Landes in dem Wald jagte und seine Jäger
zu dem Baum kamen, auf welchem das Mädchen saß.
Sie riefen es an und sagten: »Wer bist du?« Es
gab aber keine Antwort.
»Komm herab zu uns«, sagten sie, »wir wollen
dir nichts zuleid tun.« Es schüttelte bloß
mit dem Kopf. Als sie es weiter mit Fragen bedrängten,
so warf es ihnen seine goldene Halskette herab und dachte
sie damit zufriedenzustellen.
Sie ließen aber nicht ab, da warf es ihnen seinen Gürtel
herab, und als auch dies nicht half, seine Strumpfbänder,
und nach und nach alles, was es anhatte und entbehren konnte,
so daß es nichts mehr als sein Hemdlein behielt.
Die Jäger ließen sich aber damit nicht abweisen,
stiegen auf den Baum, hoben das Mädchen herab und führten
es vor den König.
Der König fragte: »Wer bist du? Was machst du auf
dem Baum?« Aber es antwortete nicht. Er fragte es in
allen Sprachen, die er wußte, aber es blieb stumm wie
ein Fisch. Weil es aber so schön war, so ward des Königs
Herz gerührt, und er faßte eine große Liebe
zu ihm. Er tat ihm seinen Mantel um, nahm es vor sich aufs
Pferd und brachte es in sein Schloß. Da ließ er
ihm reiche Kleider antun, und es strahlte in seiner Schönheit
wie der helle Tag, aber es war kein Wort aus ihm herauszubringen.
Er setzte es bei Tisch an seine Seite, und seine bescheidenen
Mienen und seine Sittsamkeit gefielen ihm so sehr, daß
er sprach: »Diese begehre ich zu heiraten und keine
andere auf der Welt«, und nach einigen Tagen vermählte
er sich mit ihr.
Der König aber hatte eine böse Mutter, die war unzufrieden
mit dieser Heirat und sprach schlecht von der jungen Königin.
»Wer weiß, wo die Dirne her ist«, sagte
sie, »die nicht reden kann: Sie ist eines König[s]
nicht würdig«
Über ein Jahr, als die Königin das erste Kind zur
Welt brachte, nahm es ihr die Alte weg und bestrich ihr im
Schlafe den Mund mit Blut.
Da ging sie zum König und klagte sie an, sie wäre
eine Menschenfresserin. Der König wollte es nicht glauben
und litt nicht, daß man ihr ein Leid antat. Sie saß
aber beständig und nähete an den Hemden und achtete
auf nichts anderes.
Das nächste Mal, als sie wieder einen schönen Knaben
gebar, übte die falsche Schwiegermutter denselben Betrug
aus, aber der König konnte sich nicht entschließen,
ihren Reden Glauben beizumessen. Er sprach: »Sie ist
zu fromm und gut, als daß sie so etwas tun könnte,
wäre sie nicht stumm und könnte sie sich verteidigen,
so würde ihre Unschuld an den Tag kommen.«
Als aber das dritte Mal die Alte das neugeborne Kind raubte
und die Königin anklagte, die kein Wort zu ihrer Verteidigung
vorbrachte, so konnte der König nicht anders, er mußte
sie dem Gericht übergeben, und das verurteilte sie, den
Tod durchs Feuer zu erleiden.
Als der Tag herankam, wo das Urteil sollte vollzogen werden,
da war zugleich der letzte Tag von den sechs Jahren herum,
in welchen sie nicht sprechen und nicht lachen durfte, und
sie hatte ihre lieben Brüder aus der Macht des Zaubers
befreit. Die sechs Hemden waren fertig geworden, nur daß
an dem letzten der linke Ärmel noch fehlte.
Als sie nun zum Scheiterhaufen geführt wurde, legte sie
die Hemden auf ihren Arm, und als sie oben stand und das Feuer
eben sollte angezündet werden, so schaute sie sich um,
da kamen sechs Schwäne durch die Luft dahergezogen.
Da sah sie, daß ihre Erlösung nahte, und ihr Herz
regte sich in Freude. Die Schwäne rauschten zu ihr her
und senkten sich herab, so daß sie ihnen die Hemden
überwerfen konnte; und wie sie davon berührt wurden,
fielen die Schwanenhäute ab, und ihre Brüder standen
leibhaftig vor ihr und waren frisch und schön; nur dem
Jüngsten fehlte der linke Arm, und er hatte dafür
einen Schwanenflügel am Rücken.
Sie herzten und küßten sich, und die Königin
ging zu dem Könige, der ganz bestürzt war, und fing
an zu reden und sagte: »Liebster Gemahl, nun darf ich
sprechen und dir offenbaren, daß ich unschuldig bin
und fälschlich angeklagt«, und erzählte ihm
von dem Betrug der Alten, die ihre drei Kinder weggenommen
und verborgen hätte.
Da wurden sie zu großer Freude des Königs herbeigeholt,
und die böse Schwiegermutter wurde zur Strafe auf den
Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der König
aber und die Königin mit ihren sechs Brüdern lebten
lange Jahre in Glück und Frieden.
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