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Märchen der Gebrüder Grimm. KHM (Kinder und Hausmärchen)
Nr. 69.
Jorinde und Joringel
Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen
dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das
war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder
zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich
wie ein Mensch gestaltet.
Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann
schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert
Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stillestehen
und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn
lossprach; wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis
kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte
sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer
des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe
mit so raren Vögeln im Schlosse.
Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie
war schöner als alle andere Mädchen. Die und dann
ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten
sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und
sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern.
Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten,
gingen sie in den Wald spazieren. »Hüte dich«,
sagte Joringel, »daß du nicht so nahe ans Schloß
kommst.« Es war ein schöner Abend, die Sonne schien
zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün
des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den
alten Maibuchen.
Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und
klagte: Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt,
als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um,
waren irre und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen
sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und
halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah
die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und
wurde todbang. Jorinde sang:
»Mein Vöglein mit dem Ringlein rot
Singt Leide, Leide, Leide:
Es singt dem Täubelein seinen Tod,
Singt Leide, Lei - zicküth, zicküth, zicküth.«
Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall
verwandelt, die sang zicküth, zicküth.
Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie
herum und schrie dreimal schu, hu, hu, hu. Joringel konnte
sich nicht regen.- er stand da wie ein Stein, konnte nicht
weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen.
Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und
gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor,
gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit
der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall
und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen,
nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort.
Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme:
»Grüß dich, Zachiel, wenn's Möndel ins
Körbel scheint, bind lose Zachiel, zu guter Stund.«
Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und
bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie
sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort.
Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. »Uu,
was soll mir geschehen?« Joringel ging fort und kam
endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe
lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber
nicht zu nahe dabei.
Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine
blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große
Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse:
alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei
frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch
wiederbekommen.
Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal
zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis
an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen
früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so
groß wie die schönste Perle.
Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie
er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward
er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute
sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie
sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er
die vielen Vögel vernähme; endlich hörte er's.
Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte
die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den
Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie
Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte
nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging,
besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele
hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden?
Indem er so zusah, [merkte er,] daß die Alte heimlich
ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der
Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen
mit der Blume und auch das alte Weib- nun konnte sie nichts
mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals
gefaßt, so schön, wie sie ehemals war.
Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen,
und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten
lange vergnügt zusammen.
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