|
Märchen der Gebrüder Grimm. KHM (Kinder und Hausmärchen)
Nr. 52.
König Drosselbart
Ein König hatte eine Tochter, die war über alle
Maßen schön aber dabei so stolz und übermütig,
daß ihr kein Freier gut genug war. Sie wies einen nach
dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen.
Einmal ließ der König ein großes Fest anstellen
und ladete dazu aus der Nähe und Ferne die heiratslustigen
Männer ein. Sie wurden alle in eine Reihe nach Rang und
Stand geordnet: Erst kamen die Könige, dann die Herzöge,
die Fürsten, Grafen und Freiherrn, zuletzt die Edelleute.
Nun ward die Königstochter durch die Reihen geführt,
aber an jedem hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr
zu dick: "Das Weinfaß !" sprach sie. Der andere
zu lang: "Lang und schwank hat keinen Gang." Der
dritte zu kurz: "Kurz und dick hat kein Geschick."
Der vierte zu blaß: "Der bleiche Tod! ; Der fünfte
zu rot: "Der Zinshahn! Der sechste war nicht gerad genug:
"Grünes Holz, hinterm Ofen getrocknet !" Und
so hatte sie an jedem etwas auszusetzen, besonders aber machte
sie sich über einen guten König lustig der ganz
oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war.
"Ei", rief sie und lachte, "der hat ein Kinn,
wie die Drossel einen Schnabel !" Und seit der Zeit bekam
er den Namen Drosselbart.
Der alte König aber, als er sah, daß seine Tochter
nichts tat, als über die Leute spotten, und alle Freier,
die da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig
und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne
nehmen, der vor seine Türe käme.
Ein paar Tage darauf hub ein Spielmann an unter dem Fenster
zu singen, um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als
es der König hörte, sprach er: "Laßt
ihn heraufkommen." Da trat der Spielmann in seinen schmutzigen,
verlumpten Kleidern herein, sang vor dem König; und seiner
Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe.
Der König sprach: Dein Gesang hat mir so wohl gefallen,
daß ich dir meine Tochter da zur Frau geben will."
Die Königstochter erschrak, aber der König sagte
: "Ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann
zu geben, den will ich auch halten." Es half keine Einrede,
der Pfarrer ward geholt, und sie mußte sich gleich mit
dem Spielmann trauen lassen.
Als das geschehen war, sprach der König: "Nun schickt
sich's nicht, daß du als ein Bettelweib noch länger
in meinem Schloß bleibst, du kannst nun mit deinem Manne
fortziehen." Der Bettelmann führte sie an der Hand
hinaus, und sie mußte mit ihm zu Fuß fortgehen.
Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie:
"Ach, wem gehört der schöne Wald?"
"Der gehört dem König Drosselbart;
Hättst du'n genommen so wär er dein."
"Ich arme Jungfer zart,
Ach hätt' ich genommen den König Drosselbart!"
Da kamen sie über eine Wiese, da fragte sie wieder:
"Wem gehört die schöne grüne Wiese ?"
"Sie gehört dem König Drosselbart;
Hättst du'n genommen, so wär sie dein."
"Ich arme Jungfer zart,
Ach hätt' ich genommen den König g Drosselbart!"
Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie
wieder:
"Wem gehört diese große Stadt ?"
"Sie gehört dem König Drosselbart;
Hättst du'n genommen so wär sie Dein."
"Ich arme Jungfer Zart,
Ach hatt' ich genommen den König Drosselbart !"
Es gefällt mir gar nicht", sprach der Spielmann,
"daß du dir immer einen andern zum Mann wünschst.
Bin ich dir nicht gut genug ?" Endlich kamen sie an ein
ganz kleines Häuschen, da sprach sie:
"Ach, Gott, was ist das Haus so klein !
Wem mag das elende winzige Häuschen sein ?"
Der Spielmann antwortete : "Das ist mein und dein Haus,
wo wir zusammen wohnen." Sie mußte sich bücken,
damit sie zu der niedrigen Tür hineinkam.
"Wo sind die Diener ?" sprach die Königstochter.
"Was, Diener ?" antwortete der Bettelmann, "Du
mußt selber tun, was du willst getan haben. Mach nur
gleich Feuer an und stell Wasser auf, daß du mir mein
Essen kochst; ich bin ganz müde."
Die Königstochter verstand aber nichts vom Feueranmachen
und Kochen, und der Bettelmann mußte selber mit Hand
anlegen, daß es noch so leidlich ging. Als sie die schmale
Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett. Aber am Morgen
trieb er sie schon ganz früh heraus, weil sie das Halls
besorgen sollte.
Ein paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht
und zehrten ihren Vorrat auf. Da sprach der Mann: "Frau,
so geht's nicht länger, daß wir hier zehren und
nichts verdienen.
Du sollst Körbe flechten !" Er ging aus, schnitt
Weiden und brachte sie heim. Da fing sie an zu flechten, aber
die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund.
"Ich sehe, das geht nicht", sprach der Mann, ."spinn
lieber, vielleicht kannst du das besser." Sie setzte
sich hin und versuchte zu spinnen, aber der harte Faden schnitt
ihr bald in die weichen Finger, daß das Blut daran herunterlief.
"Siehst du", sprach der Mann, "du taugst zu
keiner Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will
ich's versuchen und einen Handel mit Töpfen und irdenem
Geschirr anfangen. Du sollst dich auf de Markt setzen und
die Ware feilhalten.."
 |
|
Ach, dachte sie, wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters
Reich kommen und sehen mich da sitzen und feilhalten, wie
werden sie mich verspotten ! Aber es half nichts, sie mußte
sich fügen, wenn sie nicht Hungers sterben wollten. Das
erstemal ging's gut, denn die Leute kauften der Frau, weil
sie schön war, gerne ihre Ware ab und bezahlten, was
sie forderte; ja, viele gaben ihr das Geld und ließen
ihr die Töpfe noch dazu.
Nun lebten sie von dem Erworbenen, so lange es dauerte, da
handelte der Mann wieder eine Menge neues Geschirr ein. Sie
setzte sich damit an eine Ecke des Marktes und stellte es
um sich her und hielt feil. Da kam plötzlich ein trunkener
Husar dahergejagt und ritt geradezu in die Töpfe hinein,
daß alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an
zu weinen und wußte vor Angst nicht, was sie anfangen
sollte.
"Ach, wie wird mir's ergehen !" rief sie, "was
wird mein Mann dazu sagen !" Sie lief heim und erzählte
ihm das Unglück.
"Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes mit irdenem
Geschirr ?" sprach der Mann, "laß nur das
Weinen, ich sehe wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit
zu gebrauchen. Da bin ich in unseres Königs Schloß
gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine Küchenmagd
brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie
wollten dich dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.
"
Nun ward die Königstochter eine Küchenmagd? mußte
dem Koch zur Hand gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte
sich in beiden Taschen ein Töpfchen fest, darin brachte
sie nach Haus, was ihr von dem übriggebliebenen zuteil
ward, und davon nährten sie sich.
Es trug sich zu, daß die Hochzeit des ältesten
Königssohnes sollte gefeiert werden. Da ging die arme
Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltüre und wollte
zusehen.
Als nun die Lichter angezündet waren und immer einer
schöner als der andere hereintrat und alles voll Pracht
und Herrlichkeit war, dachte sie mit betrübtem Herzen
an ihr Schicksal und verwünschte ihren Stolz und Übermut,
der sie erniedrigt und in so große Armut gestürzt
hatte. Von den köstlichen Speisen, die da ein- und ausgetragen
wurden und von welchen der Geruch zu ihr aufstieg, warfen
ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr
Töpfchen und wollte sie heimtragen.
Auf einmal trat der Königssohn herein, war in Samt und
Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um den Hals Und als
er die schön e Frau in der Türe stehen sah, ergriff
er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte
sich und erschrak, denn sie sah, daß es der König
Drosselbart war, der um sie gefreit und den sie mit Spott
abgewiesen hatte Ihr Sträuben half nichts, er zog sie
in den Saal.
Da zerriß das Band, an welchem die Taschen hingen, und
die Töpfe fielen heraus, daß die Suppe floß
und die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen,
entstand ein allgemeines Gelächter und Spotten, und sie
war so beschämt, daß sie sich lieber tausend Klafter
unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang zur Türe
hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie
ein Mann ein und brachte sie zurück. Und wie sie ihn
ansah, war es wieder der König Drosselbart.
Er sprach ihr freundlich zu: "Fürchte dich nicht,
ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen
gewohnt hat, sind eins. Dir zuliebe habe ich mich verstellt,
und der Husar, der dir die Töpfe entzweigeritten hat,
bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen
Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen,
womit du mich verspottet hast."
Da weinte sie bitterlich und sagte: " Ich habe großes
Unrecht getan und bin nicht wert, deine Frau zu sein."
Er aber sprach: "Tröste dich! Die bösen Tage
sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern."
Da kamen die Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten
Kleider an, und ihr Vater kam und der ganze Hof und wünschten
ihr Glück zu ihrer Vermählung mit dem König
Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an.
Ich wollte, du und ich wären auch dabeigewesen.
|