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Märchen der Gebrüder Grimm. KHM (Kinder und Hausmärchen)
Nr. 26.
Rotkäppchen
Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte
jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre
Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles
dem Kinde geben sollte.
Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet,
und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen
wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.
Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: »Komm, Rotkäppchen,
da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring
das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach
und wird sich daran laben.
Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst,
so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst
fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter
hat nichts.
Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht, guten
Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken herum.«
»Ich will schon alles gut machen«, sagte Rotkäppchen
zur Mutter und gab ihr die Hand darauf.
Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine
halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald
kam, begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte
nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete
sich nicht vor ihm. »Guten Tag, Rotkäppchen«,
sprach er.
»Schönen Dank, Wolf.«
»Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?«
»Zur Großmutter.«
»Was trägst du unter der Schürze?« »Kuchen
und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke
und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit
stärken.«
»Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?«
»Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter
den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus,
unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen«,
sagte Rotkäppchen.
Der Wolf dachte bei sich: »Das junge zarte Ding, das
ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als
die Alte: du mußt es listig anfangen, damit du beide
erschnappst.«
Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach
er: »Rotkäppchen, sieh einmal die schönen
Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht
um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein
so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn
du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem
Wald.«
Rotkäppchen schlug die Augen aut, und als es sah, wie
die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten
und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: »Wenn
ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe,
der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag,
daß ich doch zu rechter Zeit ankomme«, lief vom
Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es
eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände
eine schönere, und lief darnach, und geriet immer tiefer
in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs nach dem
Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. »Wer
ist draußen?«
»Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach
auf.«
»Drück nur auf die Klinke«, rief die Großmutter,
»ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen. «
Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang
auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett
der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre
Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett
und zog die Vorhänge vor.
Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und
als es so viel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen
konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte
sich auf den Weg zu ihr.
Es wunderte sich, daß die Türe aufstand, und wie
es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor,
daß es dachte: »Ei, du mein Gott, wie ängstlich
wird mir's heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!«
Es rief »Guten Morgen«, bekam aber keine Antwort.
Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück:
da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht
gesetzt und sah so wunderlich aus. »Ei, Großmutter,
was hast du für große Ohren!«
»Daß ich dich besser hören kann.«
»Ei, Großmutter, was hast du für große
Augen!«
»Daß ich dich besser sehen kann.«
»Ei, Großmutter, was hast du für große
Hände«
»Daß ich dich besser packen kann.« »Aber,
Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes
Maul!«
»Daß ich dich besser fressen kann.« Kaum
hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette
und verschlang das arme Rotkäppchen. Wie der Wolf sein
Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett,
schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen.
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Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei und dachte: »Wie
die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr
etwas fehlt. « Da trat er in die Stube, und wie er vor
das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. »Finde
ich dich hier, du alter Sünder«, sagte er, »ich
habe dich lange gesucht. « Nun wollte er seine Büchse
anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter
gefressen haben und sie wäre noch zu retten: schoß
nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden
Wolf den Bauch aufzuschneiden.
Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen
leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen
heraus und rief: »Ach, wie war ich erschrocken, wie
war's so dunkel in dem Wolf seinem Leib!« Und dann kam
die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte
kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große
Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie
er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren
so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel.
Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf
den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß
den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht
hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte:
»Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege
ab in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat.«
Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen
der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein
anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten
wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade
fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß
es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht,
aber so bös aus den Augen geguckt hätte: »Wenn's
nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte
mich gefressen.«
»Komm«, sagte die Großmutter, »wir
wollen die Türe verschließen, daß er nicht
herein kann.«
Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: »Mach auf,
Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring
dir Gebackenes.« Sie schwiegen aber still und machten
die Türe nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal
um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis
Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte er ihm
nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber
die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte.
Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach
sie zu dem Kind: »Nimm den Eimer, Rotkäppchen,
gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin
sie gekocht sind, in den Trog.« Rotkäppchen trug
so lange, bis der große, große Trog ganz voll
war.
Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase,
er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals
so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing
zu rutschen: so ruschte er vom Dach herab, gerade in den großen
Trog hinein, und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich
nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid.
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